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Das "nicht von Menschenhand gemachte Christusbild"

Ein rätselhafter Bildtypus als Angelpunkt christlicher Bilderverehrung

 

von Josef Christoph Haefely

 Wie war es möglich , dass das in den biblischen zehn Geboten grundgelegte alttestamentliche Bilderverbot im frühen Christentum eine derart beispiellose Neuinterpretation erfuhr? Dass sich daraus in Jahrhunderten eine derart reiche Bildsprache entwickeln konnte, die bis in unsere Zeit reicht? Tatsächlich erscheint der Widerspruch so radikal, dass sogar spätere christliche Jahrhunderte im Rückgriff auf den Wortlaut der zehn Gebote immer wieder Bilderstürmer, sogenannte "Ikonoklasten", hervorbrachten, so in Byzanz um 800 und in der Reformation Zwinglis und Calvins. Dem Interessierten steht heute allerdings eine durchaus zuverlässige Indizienkette aus bildlichen und schriftlichen Zeugnissen zur Verfügung, welche Licht auf diese interessante Frage wirft. Allerdings darf der Leser nicht die übertriebene Erwartung hegen, jede Fehlstelle in diesem weitverstreuten Mosaik könne problemlos ergänzt werden. Es sei daran erinnert, dass durch christliche und islamische Bilderzerstörungen wertvolle Puzzlesteine unwiederbringlich verlorengegangen sind. Trotzdem kann auch nie ausgeschlossen werden, dass neue Funde gemacht werden, welche neue Einsichten ermöglichen. Um so eindrücklicher ist allerdings, welche Gesamtschau aus dem Erhaltenen entwickelt werden kann, und welche neue Fragestellungen sich daraus ergeben.

Innerhalb der christlichen Bildertradition nimmt die sogenannte "Acheiropoietos" (= griech. "nicht von Menschenhand gemachtes Bild") eine Sonderstellung ein. Schon der Name lässt aufhorchen und vermuten, dass es mit dem Urbild eine besondere Bewandtnis haben muss. Dieser Bildtypus zeigt einen frontalen, bärtigen und halslosen Christuskopf, das schulterlange Haar streng in der Mitte gescheitelt. In der Regel schliesst sich ein Kreuznimbus um das Haupt, Varianten stellen den Christuskopf auch auf einem Stück Tuch dar, begleitet von zwei Engeln, die das Tuch ausgebreitet halten. Diese Darstellung wird auch als "Mandylion" bezeichnet. Der Typus ist verwandt mit dem im Westen bekannten "Schweisstuch der Veronika", wo das Christusantlitz in der Regel eine Dornenkrone trägt. In der Kunstliteratur sind für das Schweisstuch auch die griechisch-lateinischen Begriffe "Sudarion/Sudarium" und "Sacra sindon" gebräuchlich. Letzterer Begriff findet insbesondere auch für das sogenannte "Grabtuch von Turin" Verwendung. Eine besondere Hochschätzung unter Christen geniesst das Mandylion aus der vatikanischen Kapelle Redemptoris Mater. Das Tuchbild, um das sich eine der schönsten Legenden des Christentums rankt, wurde von den Gläubigen über Jahrhunderte als das Abbild des "Wahren Antlitzes Christi" verehrt.
 

"Nicht von Menschenhand gemachtes Abbild" im Spannungsfeld von Geschichte und Legendenbildung

Verschiedene Legenden ranken sich um die Herkunft dieser eigenartigen Bildtypen des Antlitzes Jesu Christi. Die im Westen wohl bekannteste Figur ist jene der Veronika, welche Jesus das Schweisstuch darreicht. Die Szene wurde sogar zu einer Station des in der katholischen Kirche verbreiteten Kreuzwegs, welcher die Passion Christi zeigt. Der Name "Veronika" ist mit dem Begriff "Vera (e)ikon" (="wahres Bild") so nah verwandt, dass die meisten Fachleute darin übereinstimmen, dass der Name dieser Frau daraus abgeleitet wurde. Lässt sich aber überhaupt beurteilen, inwieweit solche Bildtypen in einem direkten Bezug zum historischen Jesus von Nazareth stehen, oder ob es sich nur um spätere Legendenbildungen handelt, die sich um die Verehrung Jesu entwickelt haben? Könnte aber die Verehrung des heiligen Antlitzes nicht allenfalls sogar glaubwürdige Indizien dafür bieten, wie der historische Jesus ausgesehen hat?

Es muss an dieser Stelle der landläufigen Meinung durchaus widersprochen werden, wonach im biblischen Bereich "jahrhundertealte Wucherungen" unmöglich mehr vom möglichen historischen Kern getrennt werden können. Gemäss den Erkenntnissen des anerkannten Papyrusexperten Carsten Peter Thiede hatten etwa die Evangelisten durchaus den Anspruch, historisch zuverlässig zu berichten, auch wenn sie dem Geschehen in Palästina vor 2000 Jahren nicht neutral gegenüberstanden (so in Johannes 19,35: "Der dies gesehen hat, legt Zeugnis davon ab, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiss, dass er die Wahrheit spricht, damit auch ihr glaubt."). Dieser Aspekt wird heute in der neutestamentlichen Forschung nach einer klärenden Interpretation der Schriftrollen-Funde von Qumran und - eine Folge davon - der begründeten Frühdatierung der Evangelientexte wieder stärker hervorgehoben. Dieser Hinweis auf ein entscheidendes Kennzeichen des überlieferten Christentums, der Glaubwürdigkeit der Evangelientexte als historische Quellen, soll für den Augenblick als Denkanstoss genügen.

 

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  Das Schweisstuch der Veronika

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Erstellt am 10.10.2003, angepasst am 03.02.2004

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