haefely.info       "Nicht von Menschenhand gemachte Abbilder Christi"

 

Das Christus-Bild König Abgars von Edessa
 

Ein Bild, "das Menschenhände nicht gefertigt hatten", überwindet die alttestamentliche Bilderscheu

Bild: Ikone mit König Abgar, der das von Christus erhaltene Bildnis zeigt. (zum Vergrössern anklicken)

 

Die Malereien schienen den frühen Christen zu sehr mit der Hypothek einer in der Welt und ihre Begierden verstrickten Künstlerexistenzen behaftet zu sein, als dass man ihnen zutraute, dem Überirdischen Ausdruck zu verleihen. Solche Vorbehalte gegen gemalte Bilder finden sich bei einigen Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte. Als allerdings im Herbst 787 die in Nizäa versammelten Bischöfe über die Legitimität der Bilderverehrung diskutierten, war der Umschwung bereits vollzogen. Die Versammlung beschloss einmütig, einen Text, der sich kritisch über einen Porträtisten des Apostel Johannes, sein Werk und die abbildende Kunst überhaupt äusserte, als apokryph (= zweifelhafte Quelle) zu verwerfen. Ihr Urteil zugunsten einer moderaten Bilderverehrung begründeten die Konzilsteilnehmer vor allem mit der Existenz eines schon weithin berühmten Bildes, das erstmals Erwähnung gefunden hatte in der Kirchengeschichte des byzantinischen Historikers Euagrios Scholastikos im 6. Jahrhundert. Das darin beschriebene Bild erfüllte geradezu modellhaft die paradoxen Anforderungen der Theologie, von der 'wunderbaren und unbegreiflichen Gestalt' Jesu ein Bild zu erlangen, ohne durch vermittelnde Darstellung eines Künstlers das 'Wunderbare' und 'Unbegreifliche' zu verlieren. Das Bild ist ein Christusporträt, und das Modellhafte seiner Erscheinung resultierte aus der kurzen Bemerkung, dass es ein gottgemachtes sei, 'das Menschenhände nicht gefertigt hatten'. Damit begründete und bestätigte das Konzil die Erlaubtheit der Bilderverehrung.

 

 

Schriftliche Quellen der Abgar-Legende

 

Euagrios Scholastikos erwähnt das Bild im Zusammenhang mit seinem Bericht der Belagerung und der wunderbaren Errettung der kleinasiatischen Stadt Edessa. Als Quelle diente ihm eigener Bekundung nach die Beschreibung der 'Perserkriege' von Procopius Caesariensis, die wohl um einiges detaillierter und nicht wesentlich älter ist als die der Kirchengeschichte. Allerdings lässt diese eine entsprechende Erwähnung der Ikone vermissen. Nicht anders verhält es sich mit der Ursprungslegende des Bildes: Euagrios erwähnt, sie der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea aus dem frühen 4. Jahrhundert entnommen zu haben. Bei Eusebius findet sich tatsächlich die älteste Version der Abgarlegende. Der Gegenstand, den Abgar V. Ukkama von Jesus erhalten habe, ist hier ein Brief.

 

Bild: Münze des Königs Abgar V. Ukkama ( zum Vergrössern anklicken)

 

Edessa war ein unabhängiges Fürstentum ausserhalb des Römischen Reiches im heutigen Südostanatolien, dem heutigen Urfa. In einer vollständig erhaltenen Predigt aus Anlass der späteren Überführung des Tuches nach Konstantinopel wird berichtet, dass Abgar an Lepra erkrankt war. Schon im Bericht bei Eusebius wird beschrieben, wie Abgar, König der kleinen Stadt Edessa, schwer erkrankt. Von Jesu Wirken in Palästina unterrichtet schickt er einen Boten mit der Bitte, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen. Auf sein Verlangen geht Jesus allerdings nicht ein, schreibt ihm vielmehr den besagten Brief und verspricht, einen seiner Jünger zu schicken. Wie angekündigt kommt nach Jesu Himmelfahrt Thaddäus, ein Jünger, nach Edessa, heilt den König und bekehrt ihn zum christlichen Glauben. Eusebius entnimmt diesen Bericht, wie er schreibt, dem Archiv der Stadt Edessa, wo er auch den besagten Brief Jesu an Abgar vorfindet. Ein Bild erwähnt er nicht. Der älteste Text, der ein Bild in die Erzählung einbringt, ist eine syrische Bearbeitung des von Eusebius überlieferten Berichts: Die Doktrina Addai, entstanden ungefähr um das Jahr 400. Die Beschreibungen stimmen weitestgehend überein, nur dass der Bote Abgars hier zugleich auch ein begabter Maler ist, der bei seinem Besuch auch ein Bild anfertigt.

 

In späteren Versionen wird der Brief zu einer kurzen mündlichen Botschaft und das Bild zum Angelpunkt. In den sogenannten 'Thaddäus-Akten' aus dem 6. Jahrhundert erwartet Abgar ausdrücklich von seinem Boten neben dem Antwortschreiben ein getreues Porträt Jesu, das dieser zu malen nicht in der Lage ist. So tritt eine wundersame Entstehung an die Stelle blosser Kunstproduktion: Da Jesus das Bemühen und Scheitern des Malers erkennt, nimmt er ein Tuch, in das er sein Antlitz drückt und übergibt es zusammen mit dem wunderbar entstandenen Abdruck dem Boten. Der trägt es nach Edessa, wo das Bild - und das erwähnt diese Geschichte ausdrücklich - seinen Auftraggeber noch vor Ankunft des Apostels von seinen Leiden heilt.

 

Die Verehrung verbürgt sich demnach vornehmlich durch den Begriff a-cheiro-poietos, also 'nicht-von-Menschenhand' gemacht - was gleich einer ganze Gruppe von Bildern ihren Namen gab, den Acheiropoiten der byzantinischen Spätantike.

 

In seiner ausgearbeitetsten Form erscheint diese Darstellung in einer Version der Abgarlegende aus der Zeit nach dem Bilderstreit, der 'Narratio de imagine Edessena'. Um 944 entstanden und Konstantin Porphyrogenneta zugeschrieben. Hier tritt ein weiteres Motiv zur Erzählung hinzu: Abgar habe zwar von Christus ein wunderbar entstandenes Porträt erhalten, da ihm aber die folgenden Generationen in seiner Frömmigkeit nicht folgen wollten, habe ein vorsorgender Bischof es an geeignetem Ort einmauern lassen. Über die Jahrhunderte sei es so in Vergessenheit geraten und im 6. Jahrhundert wieder aufgetaucht. Korrespondierend zum Bericht der Belagerung der Stadt durch den Perser Chosroes bei Euagrios Scholastikos erscheint das Porträt als rettendes Bild in grösster Not:

 

Und so war es im Laufe jener Nacht, da erschien dem Bischof [...] eine schön gekleidete, Ehrfurcht einflössende Gestalt einer Frau, überlebensgross, die ihm den Rat gab, das göttlich geschaffene Bild von Christus zu nehmen und mit ihm zu flehen, der Herr möge seine Wundertaten ganz kundtun. Der Bischof antwortete, er habe keine Ahnung, ob das Bild überhaupt existiere oder, wenn es so wäre, ob sie oder jemand anderes es hätte. Dann sagte die Erscheinung in Gestalt einer Frau, dass ein solches Bild verborgen an der Stelle über den Stadttoren liege in einer Weise, die sie beschrieb. [...] Der Bischof war überzeugt durch die Klarheit der Vision, die ihm erschien, und deshalb ging er bei Morgengrauen betend zu der Stelle, suchte sorgfältig nach und fand dieses geheiligte Bild unversehrt, und die Lampe, die über so viele Jahre nicht ausgegangen war. Auf dem Stück Ziegel, das zum Schutz vor die Lampe gestellt worden war, fand er ein weiteres Abbild des Bildes aufgedrückt, das zum Glück bis jetzt sicher in Edessa erhalten blieb.

 

In dieser Beschreibung liegt auch eine nicht zu übersehende Symbolik: Der Kontakt zwischen Bild und Bild und die dadurch bezeugte Authentizität der Reproduktion verbürgt rückwirkend auch die nicht manipulative Entstehung des ersten, also den ursprünglichen Kontakt zwischen Körper und Bild. Beide Bilder werden beschrieben als Resultat analoger Verfahren, die sich in diesem Sinne gegenseitig der besonderen Qualität ihrer Darstellung vergewissern. Mit dieser sich fortführenden Reproduktion des Bildes entfalten die Legenden den prägnantesten Ausdruck ihrer Authentisierung. Ähnlich wie bei der Fotografie, und das erscheint der springende Punkt, verwirkt das Bild seine 'Originalität' nicht durch die ihm zugesprochene Reproduzierbarkeit der Darstellung.

 

944 oder 968 gelangte dieses "nicht von Menschenhand gemachte" Bild mit anderen bedeutenden Reliquien nach Konstantinopel in die Palastkapelle. 1204 sollen es dann bei der Eroberung Konstantinopels die Kreuzfahrer erbeutet und in den Westen gebracht haben. Es gilt heute als verschollen.  

 

In einem Bericht seiner Pilgerreise macht Antonius von Placentia um 570 eine aufschlussreiche Bemerkung: Er sei auf seiner Reise auch nach Memphis gekommen, wo er ein Tuch gesehen habe, in dem Jesu, entsprechend den bisherigen Legenden, sein Angesicht abgedrückt habe. Es werde an bestimmten Festtagen in einer Kirche ausgestellt und verehrt. Zu sehen aber habe er nichts vermocht, vielmehr habe ihn ein wunderbar davon ausgehender Glanz geblendet, und je mehr er hinblickte, habe es sich vor seinen Augen verwandelt. 

 

Interessanterweise findet sich in den Visionen der deutschen stigmatisierten Augustinerin Anna Katharina Emmerick (1774-1824) ein Bericht über die Abgar-Geschichte. Obwohl der Ablauf mit den vorstehenden Berichten identisch ist, kann nichts Sicheres darüber gesagt werden, ob die Seherin schon vor ihrer Vision irgendeine Kenntnis von der Legende hatte. Bemerkenswert ist allerdings, wie die beiden Hauptelemente 'Brief' und 'Bildnis' - in der wissenschaftlichen Kritik bisweilen gegeneinander ausgespielt - bei Emmerick auf natürliche Weise verbunden sind.

 

Der Brief des Königs Abgarus

Von Bethanien, wo Jesus einige Zeit in Verborgenheit sich noch aufgehalten hatte, zog Er an die Taufstelle bei Ono. Die Einrichtungen zum Taufen waren durch die Aufseher gehütet worden. Es sammelten sich Jünger um Jesus und vieles Volk strömte herbei. Da Jesus vor der Menge lehrte, die teils im Kreise stehend, teils auf Holzgerüsten sitzend zuhörte, nahte auf einem Kamele ein Fremder mit sechs Begleitern, die auf Maultieren ritten, und machte in einiger Entfernung vom Lehrplatz Halt, wo Zelte aufgeschlagen waren. Er war von dem kranken König Abgarus mit Geschenken und einem Briefe an Jesus gesendet, worin Er gebeten wurde, Er möge doch nach Edessa kommen und ihn heilen. Abgarus war krank; er hatte einen Ausschlag, der ihm in die Füsse getreten war, dass er hinkte. Reisende hatten ihm von Jesus, seinen Wundern, dem Zeugnis des Johannes und der Erbitterung der Juden auf dem letzten Osterfest erzählt, was ihm grosses Verlangen einflösste, von Jesus geheilt zu werden.

Der junge Mann, der den Brief zu überbringen hatte, konnte malen und hatte den Befehl, wenn Jesus nicht kommen würde, sein Bildnis zurückzubringen. Ich sah, wie dieser Mann sich vergebens bemühte, zu Jesus zu gelangen; er suchte bald hier, bald dort durch die Volksmenge zu dringen, um die Lehre mitanzuhören und zugleich das Angesicht Jesus abzubilden. Da sagte Jesus einem der Jünger, er solle dem Mann, der hinter den Leuten herumwandle und nicht herzukommen könne, Platz machen und ihn auf ein nahe stehendes Gerüst führen. Der Jünger brachte den Gesandten dahin und stellte auch seine Begleiter mit ihren Gaben, die in Stoffen, Goldplättchen und sehr feinen Lämmern bestanden, so auf, dass sie sehen und hören konnten.

Der Gesandte froh, endlich Jesus zu erblicken, legte sein Malgerät vor sich auf die Knie, sah Jesus mit grosser Verwunderung und Aufmerksamkeit an und arbeitete. er hatte ein weisses Täfelchen vor sich, wie von Buchsbaum. Da riss er zuerst mit einem Stift den Umriss von Jesus Kopf und Bart ohne Hals hinein. Dann riss er mit dem Stift wieder allerlei hinein, tupfte und drückte wieder ab und so arbeitete er lange fort und konnte nie recht zu Stande kommen. So oft er Jesus ansah, war es, als erstaune er über sein Antlitz und müsse wieder frisch anfangen. Lukas malte nicht ganz auf diese Weise; er wendete auch Pinsel an. Das Bild des Mannes hier schien mir teils erhaben, so dass man es auch fühlen konnte.

Jesus lehrte noch eine Zeitlang weiter, und sendete dann den Jünger zu dem Mann und liess ihm sagen, er möge näher kommen und seine Sendung erfüllen. Da ging der Mann von seinem Sitz herab zu Jesus, und die Diener mit den Geschenken und Lämmern gingen hinter ihm her. er hatte ohne Mantel kurze Kleider an, schier nach der Weise der heiligen drei Könige. An dem linken Arm hatte er sein Gemälde an einem Riemen hängen. Es war herzförmig wie ein Schild, und in der Rechten hatte er das Schreiben des Königs. Er warf sich vor Jesus auf die Knie, verbeugte sich tief, so auch die Diener, und sprach: "Dein Knecht ist der Diener Abgars, des Königs von Edessa, der krank ist und Dir diesen Brief sendet und Dich bittet, diese Gaben von ihm anzunehmen." Da nahten die Knechte mit den Geschenken. Jesus sagte, es gefalle Ihm die gute Meinung seines Herrn, und befahl den Jüngern, die Geschenke zu sich zu nehmen und an den ärmsten Leuten hier herum zu verwenden. Jesus faltete den Brief auseinander und las ihn. Ich erinnere mich nur noch, dass unter anderm darin stand: Er könne Tote erwecken und er bitte Ihn, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen. Der Brief war, als sei die Fläche, worauf geschrieben war, steifer, die ganze Umgebung aber des Briefes weich, wie von Zeug, Leder oder Seide, worin der Brief eingeschlagen wurde. Auch sah ich einen Faden daranhängen.

Als Jesus den Brief gelesen hatte, drehte Er die Brieffläche um und schrieb mit einem starken Stift, den Er aus dem Gewand zog und aus dem Er etwas herausschob, auf die andere Seite des Briefes mehrere Worte ziemlich gross, und schlug den Brief wieder ein. Dann liess er sich Wasser geben, wusch das Angesicht und drückte das weiche Umschlagende des Briefes gegen sein Angesicht und gab es dem Gesandten, der damit auf das Bild drückte. Nun war das Bild ganz ähnlich. Der Maler war voll Freude und wendete das Bild, an dem Riemen hängend, gegen die Zuschauer, warf sich vor Jesus nieder und reiste sogleich wieder ab. Einige seiner Diener aber blieben zurück und folgten Jesus, der nach dieser Lehre über den Jordan an den zweiten Taufort zog, den Johannes verlassen hatte. Sie liessen sich hier taufen.

Ich sah, wie der Gesandte vor einer Stadt bei langen Steingebäuden, wie Ziegelbrennereien, übernachtete, und dass am anderen Morgen einige Arbeiter, weil sie ein helles Leuchten, wie einen brand gesehen, ungewöhnliche früh herzukamen, und dass irgend etwas Merkwürdiges mit dem bild vorgegangen war. er war ein grosser Zusammenlauf. Der Maler zeigte ihnen das Bild und sah, dass auch das Tuch, womit Jesus sich berührt hatte, das Bild enthielt. Abgarus kam ihm eine Strecke durch seine Gärten entgegen und war durch den Brief und das Bild unbeschreiblich gerührt. Er besserte auch gleich sein Leben und schaffte die vielen Frauen ab, mit denen er sich versündigt hatte.

Ich habe früher einmal gesehen, wie nach dem Tod des Sohnes diese Königs bei einem bösen Nachfolger das Gesichtbild Jesus, welches öffentlich ausgestellt war, von einem frommen Bischof nebst einer brennenden Lampe durch einen davorgestellten Ziegel lange vermauert und nach langer Zeit wieder entdeckt wurde, da das Bild sich auch in den vorgestellten Stein abgebildet hatte.

Zitiert nach der Ausgabe von P. C. E. Schmöger

 Die Dokumentation wird fortgesetzt.

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Erstellt am 10. Oktober 2003

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