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Urs Viktor Walter

Kammfabrikant, Hauptmann und Pintenwirt

1787 - 1862

 

Urs Viktor Walter wurde am 28. Januar 1787 als ältester Sohn der Mümliswiler Kammmacherfamilie Urs Josef und Magdalena Walter-Bloch geboren. Schon früh half Viktor mit seinen Brüdern Rudolf und Josef in der väterlichen Werkstatt mit und zeigte Geschick beim Gravieren von Verzierungen auf hörnernen Tabakdosen. Urs Viktor soll später oft seine mangelhafte Schulbildung beklagt haben, dachte aber in Dankbarkeit an den Ortspfarrer Josef Alois Wirz zurück, in dessen Abendschule für Erwachsene er Versäumtes nachholen konnte.

Der Militärdienst des ehrgeizigen jungen Mannes fiel in die Zeit des Aufbaus der eidgenössischen Truppen in der Folge des Wiener Kongresses von 1815 und der Eröffnung einer schweizerischen Offiziersschule in Thun. 1809 beteiligte sich Walter noch als Fourier bei einem Soldzug im Engadin und nach Pontarlier. Später wurde er Hauptmann einer solothurnischen Jägerkompanie (Scharfschützen). "Der erste vom Lande" sei er gewesen, pflegte er gerne stolz zu betonen. In dieser Funktion war er an Offiziersfesten in Langenthal und Genf mit dabei, wo er persönliche Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen wie General Henri Dufour und Johann H. Pestalozzi hatte. Gerne benutzte Walter seine militärischen Kontakte zum Anknüpfen von neuen Geschäftsverbindungen.

Ausschnitt aus dem Solothurner Staatskalender von 1823 mit einem Verzeichnis der Solothurner Einheiten: auf Seite 38 wird das "Infanterie-Bataillon Tugginer" aufgeführt. Nach der Liste mit den Stabsoffizieren stehen die Offiziere der beiden Jäger-Compagnien: Urs (Viktor) Walter war Kommandant der ersten Jäger-Compagnie.

Im Jahre 1819 übernahm Viktor den Betrieb seines Vaters, wo er schon für den Einkauf der Hörner und den Verkauf der Produkte zuständig gewesen war. Auf seinen Anstoss hin baute dieser zwischen 1818 und 1820 das grosse Wohn- und Geschäftshaus Nr. 190 an der Mümliswiler Dorfstrasse (heute Haefely), welches - nicht ohne Familienquerelen und nach einer unangenehmen Affäre - in Urs Viktors Eigentum überging. Dieses Haus diente auch als Pintenschenke. Von Geschäftssinn zeugt 1822 seine Verheiratung mit Katharina Schärr, einer Tochter des Mümliswiler Kartenfabrikanten Franz Bernhard Schärr. Durch ihre buchhalterischen Kenntnisse war Katharina für Walters Geschäft eine grosse Unterstützung. Vier Kinder stammten aus dieser Ehe, von denen nur zwei, Viktor Karl (1824-1876) und Sophie Elisabeth (1826-1862), das Erwachsenenalter erreichten. Bereits 1829 verstarb die junge Gattin. Drei Jahre später ging Walter mit Elisabeth Hafner (1803-nach 1866) von Mümliswil eine zweite Ehe ein. Dieser Verbindung entsprossen vier Kinder, Maria Katharina "Jeanette" Haefely-Walter (1836-1927), der Kammfabrikerbauer August Hadolin Walter-von Rohr (1833-1878), Felix Gustav Walter-Zeltner (1839-1893), Kreuzwirt in Neuendorf und Katharina Weber-Walter (*1840), Sternenwirtin in Solothurn.

Die Ordonnanz der Solothurner Jägerkompagnien: zeitgenössische Illustration mit einmontiertem Kopf von Walter.

Urs Viktor Walter war auch "Säckelmeister" (Finanzverwalter) der Gemeinde Mümliswil-Ramiswil. Mit der 1837 von privater Seite neu errichteten Mümliswiler Sekundarschule - der ersten im Kanton nach jener in Olten - konnte er sich im Vorfeld nicht anfreunden. "Es wird sogleich ein reformierter Pfarrer angestellt werden", soll sein Kommentar gewesen sein. Dagegen war Walter 1838 Mitglied der Schulhausbaukommission in Ramiswil. In derselben Kommission wirkte auch Jakob Haefely, alt Steinwirt, mit, dessen Sohn Alois später seine Tochter Jeanette zur Frau nehmen sollte. Walter beteiligte sich als Konservativer an den politischen Kämpfen im Kanton und stand in Opposition zur liberalen "Dreissiger Regierung". Bei der Volksabstimmung 1841 über die Revision der Solothurner Kantonsverfassung  war er "entschiedener Oppositionsmann". Bei einer weiteren Revision der Verfassung im Jahre 1856, die von radikalen Kräften lanciert wurde, "wollte er für die Niederlage von 1841 allerdings nicht Rache nehmen". Dies wurde ihm als Inkonsequenz ausgelegt, kämpften die (zahlenmässig schwächeren) Konservativen doch an der Seite der radikalen "Roten" für mehr direkte Demokratie im Kanton. Sie erreichten schliesslich, dass das Volk die Beamten, Ammänner und Friedensrichter selbst wählen durften, die zuvor von der liberalen Kantonsregierung auch gegen kommunale Mehrheiten eingesetzt worden waren.

Walter war von heftigem und unduldsamem Charakter. Sein Neffe Kammmacher Felix Walter beklagte sich  in seinen Lebenserinnerungen bitter über seine Hartherzigkeit selbst Verwandten gegenüber. Auch Urs Viktors kostspielige Einladungen für auswärtige geistliche und weltliche Herren führten dazu, dass sich seine Brüder Rudolf und Joseph von ihm abwandten und auf eigene Rechnung Kämme zu produzieren begannen. So sah sich Urs Viktor veranlasst, fremde Kammmachergesellen einzustellen. In der Solothurnischen Volkszählung von 1837 werden im Haus Nr. 190 ausser den Familienangehörigen folgende Personen erwähnt:


        - Stehebul (?) Christian von Hamburg, freie Reichsstadt
        - Leubecher (?) Anton von Ellsingen, Kön. Würtenberg
        - Keselbach (?) Karl von Grosshrz. Baden
        - Hügi A. Maria von Grenchen, Magd


Walters Frau und Kinder hatten ebenfalls Hand anzulegen. 1844 wurden kaum mehr Rückkämme getragen, was zu einem erheblichen Auftragsrückgang führte. Eine Zeitlang stand der Betrieb sogar still. Um 1857 herum trat Urs Viktor das Geschäft an seinen Sohn August ab, der zuerst in einem Nebengebäude des "Ochsen" produzierte und 1863 die erste Kammfabrik im Lobisey erbaute.

Sohn Karl Walter schreibt im Nachruf auf seinen 1862 verstorbenen Vater Urs Viktor: "Seine lange und schmerzhafte Krankheit trug er mit männlicher Geduld. Freitag den 5. September, nachmittags 3 Uhr, wurde er von derselben sanft und schmerzlos erlöst."  Walter wurde am Sonntag, dem 7. September, in Mümliswil beigesetzt. 

 

Angaben zusammengestellt von Josef C. Haefely, September  2002