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Der
Schlummertrunk des 'alten Steinwirts'
Entdeckt unter den persönlichen Dokumenten des Jakob Haefely-Gyr von Mümliswil ( 1779-1841)
In einer Zeit, da der ärztlichen Kunst noch engere Grenzen gesetzt waren als der heutigen, hatten überlieferte Hausmittelchen, Geheimrezepte und Tinkturen eine überlebenswichtige Bedeutung. Ihre Grundlage war Erfahrungswissen, manchmal wohl auch gepaart mit einem Schuss Aberglauben. Neben ausgebildeten Landärzten in den grösseren Ortschaften gab es in jedem Dorf noch irgend einen Quacksalber, der gegen die vielen Leiden und Gebresten in Haus und Stall das richtige Mittelchen wusste und es verstand, Warzen wegzumachen. Bei den weiten und schlechten Verbindungen über Land waren diese Heilpraktiker erste Anlaufstelle nach einer erfolgloser Selbstverarztung. Oft waren sie im Alltag gewöhnliche Bauern oder Handwerker. Das untenstehende Rezept, von Jakob Haefely-Gyr mit Tinte und Feder fein säuberlich auf einem Stück Papier notiert, war ihm offenbar derart wichtig, dass er es unter den Familiendokumenten sorgfältig aufbewahrte. Es beschreibt die Zubereitung eines speziellen Schlummertrunks. Mag sein, dass Jakobs Vater, der "Mummelwolf" (Wolfgang Haefeli-Flury, 1749-1849) ihm das Rezept noch mitgeteilt hatte. Dieser überlebte seinen Sohn um acht Jahre und erreichte mit hundert Jahren, sieben Monaten und sieben Tagen ein damals unvorstellbar hohes Alter. Bei Jakob selbst scheint das Rezept nicht dieselbe nachhaltige Wirkung erzielt zu haben. Ob nun trotz oder wegen des Mittelchens, oder aufgrund allzu seltener Anwendung, bleibe dahingestellt.

Wein ½ Schopen Weissen ½ Schoben Rothen
Bz Zimmetrinden
3 Xer Rebarbara
2 – Balderganen Wurzen [Baldrian?]
3 – weisser Zucker
Diese Spezis zu pulfer gestossen, im Wein gekocht zwey Wähl [Mal?], und wohl zugedekt 24 Stund an der währme stehen lassen.
Und dan nach dem Nachtesen 1½ Löffel foll eingenommen und ein Schnitten gebähtes [Brot] darauf genommen und in einem warmen [Bett] zu schlafen
Anmerkung zu "gebähtes":
Im "Gedrängten Handwörterbuch der
Deutschen Sprache" von 1831 findet sich dafür folgende Begriffserklärung:
Bähen: erwärmen, (z.B. Semmeln), rösten, durch Wärme, durch erwärmende
Mittel heilen; (kranke Glieder) mit warmen Tüchern reiben oder sie beräuchern
oder den Dunst von warmen Kräutern daran gehen lassen, oder auch warme Mittel
über dieselben schlagen; durch Wärme treiben (Gewächse; bähendes Winterschloss,
d.h. warmes Zimmer, worin Gewächse im Winter getrieben oder überwintert werden).
Die Bähung, das Bähmittel, ein Arzneimittel, kranke Glieder damit zu
bähen.
aktualisiert am 26.1.2003