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Ein Brief von Pater Basil Haefely SJ an seinen Bruder Alois in Mümliswil
In
seinem letzten erhaltenen Brief aus Amerika erinnert sich Pater Haefely fünf
Jahre vor seinem Tod an die gemeinsame Jugendzeit auf dem Steinwirtshof im
Mümliswiler Reckenkien. Daneben erörtert er ausführlich die damalige heftige
Auseinandersetzung um die Schulhoheit, die im Kanton Solothurn geprägt war durch
den sogenannten Kulturkampf im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Dieser
Konflikt wurde ausgetragen zwischen der freisinnigen (und
Altkatholiken-freundlichen) Kantonsregierung und einer starken konservativen
römisch-katholischen Minderheit, die für ihr Recht auf konfessionell geprägte
Schulen kämpfte. (Zum Vergrössern des Faksimiles der ersten von vier Seiten auf
den Brief links klicken.)
Prairie du Chien, Wis[consin], Sacred Heart College 4 Ap./ [18]92
Mein lieber Alois
Theurer Bruder,
das ist aber schön und das freut mich, dass Du dich doch einmal überwunden hast einen Brief über den Ocean zu schicken; es ist, wenn ich nicht irre, der erste und einzige, seitdem wir uns zum letztenmal sahen. Es sind bereits 11 Jahre seitdem wir uns im Neuhüsli begegneten und miteinander die brüderliche Hand drückten. Hätte unsere liebe Schwester mir nicht hie und da etwas von unserer Heimath und von Dir und deiner Familie mitgetheilt, so wüsste ich nicht ob Mümliswyl und die Leute darin noch existieren. - Aber welche Klagen durchziehen deinen Brief, man möchte glauben Du lebtest das ganze Jahr hindurch in der Karwoche und wüsstest nichts anderes zu singen als die Lamentationen des Propheten Jeremias! Der liebe Gott hat freilich Dich und deine Familie heimgesucht und die Influença und anderen Leiden in das Haus geschickt; das thut weh und ist unbequem, aber es ist eben ein Kreuz mit einem Querbalken; würden beide Balken glatt und parallel untereinander liegen, so wäre das kein Kreuz mehr - ; würden unser Wünsche und Pläne nicht hie und da durchkreuzt durch einen solchen Querbalken, so könnten wir ja den göttlichen Heiland auf seinem Kreuzweg nicht nachfolgen, und folglich seine Jünger nicht sein. "Man muss leiden um Christ zu sein, und man muss Christ sein, um gut und verdienstlich zu leiden". So sagt ein grosser Redner - Nun, mein lieber Bruder, bei Dir trifft beides ein, also muss er gut gehen; nur Muth und Gottvertrauen, es geht ja bald zu Ende. "Musste nicht Christus leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen" - Nach deinem Brief zu urtheilen, so fühlst Du es ebenso wie ich auch, dass das Alter mit grossem Schritt heranbricht; ein ganz anderes ist das Leben das wir jetzt leben, von damals als wir im Reckenkien miteinander Soldaten spielten oder mit dem Schlitten vom Passwang herab ins Dorf hinunter flogen; jetzt giebt es ernste Gedanken, es handelt sich bald einen wichtigen Schritt zu thun - in das Jenseits - in das eigentliche Vaterland - ! Welch ein armseliges Vaterland haben wir hinieden! Die schöne Schweitz, das schöne Solothurn, o ja, schön war es gewesen, arme Heimath, man möchte sich grämen, ein Solothurner zu sein, wenn man sieht wie es zugeht. Welch eine Schande, ein katholischer Kanton und confessionslose Schulen! Christkatholisch und heidnisch zugleich, welch ein Wiederspruch! - Wenn hier in Amerika die Staatsschulen confessionslos sind, so lässt sich das noch begreifen; denn wenn der Staat die Erziehung der Jugend in seiner Hand nehmen will, und diese Jugend aus allen möglichen Nationen und Confessionen in eine Schule zusammen kommen, so kann der Staat nicht Religion lehren, er muss neutral bleiben: Wenn aber ein katholischer Kanton die Religion aus seinen Schulen verdrängt, so ist das ein Zeichen dass er selbst nicht mehr katholisch ist. Freilich sollte auch hier in America der Staat nicht Schulmeister sein wollen, die Erziehung der Kinder geht die Eltern an, sie haben eine strenge Pflicht, dieselben in der Religion nach ihrem Gewissen für Gott, Seligkeit zu erziehen. Wenn der Staat gegen die Überzeugung der Eltern Erzieher sein will, so verletzt er die heiligen Rechte der Eltern, welche das Naturrecht ihnen gibt. Der Staat kann und soll helfen, beistehen und so die Erziehung erleichtern, aber nicht selbst Schulmeister sein. So thut es England in den Colonien, in Indien und in England selbst. In Bombay gibt es auch Staatsschulen, aber niemand ist genöthigt die Kinder in dieselben zu schicken. Die Regierung lässt es jeder Gemeinschaft frei, eigene Privatschulen zu errichten und die solche so errichtet sind und Entschädigung geben, erhalten von der Regierung, einen substanziellen Beitrag je nach der Zahl und dem Fortschritt der Kinder, ohne irgend eine Einmischung in Religionssachen. So konnte ich, als ich in St. Mary's, Bombay war, jährlich auf eine Unterstützung von 4'000 Rupien [oder Franken?] rechnen, ohne in den religiösen Erziehung gehindert zu werden. Das andere grosse Collegium von Hl. Fr. Xaver das gegen 1'400 Schüler zählt erhält jährlich noch mehr Unterstützung, gegen 8-10'000 Rupien [Franken?] und so alle unsere Schulen in Bombay, so dass wir und die Katholiken selbst es nicht besser wünschen könnten. - Hier in Amerika ist es ganz anders; jede Religionsgenossenschaft, d.i. jede Gemeinde kann für sich eine Schule bauen muss aber auf eigene Kosten sie und die Lehrer und Lehrschwestern erhalten, ohne vom Staat das geringste zu erhalten; im Gegentheil muss jeder Bürger noch seinen Theil zur Erhaltung der Staatsschulen beisteuern. Das ist ein hartes Opfer und gegen alle Gerechtigkeit, aber die Katholiken thun es, um nur ihren Kindern eine religiöse Erziehung zu sichern. Diese confessionslosen Staatsschulen haben schon wüste Früchte getragen; Glaube und gute Sitten gehen verloren, und Laster jeder Art nehmen täglich überhand. Es sind auch für Amerika schlimme Zeiten in Aussicht; das Unglück will jetzt auch die Katholiken nöthigen, ihre Kinder in die Staatsschulen zu schicken und will keine Privatschulen mehr dulden. Es ist ein heftiger Kampf auf beiden Seiten, möge der liebe Gott alles zum Besten leiten.
Jetzt aber, lebe wohl, liebster Bruder, mit vielen Grüssen an Deine Gattin und Kinder; es freut mich dass der Alois [Sohn des Alois, späterer Pfarrer in Kappel und Winznau] in seinen Studien gut vorangeht, sein Photo habe ich hier, es erinnert mich seiner [ ...?] - meinen herzlichen Gruss an ihn - und auch an Bertha (?!), die im Kloster ist [Tochter von Alois, Sr. Françoise Salésie im Kloster Visitation, Solothurn]; vergesse auch nicht einen schönen Gruss nach Metzerlen zu schicken [an Alois' Schwester Rosalia, Pfarrhaushälterin].
Auf Wiedersehen im Jenseits...!
Dein liebender Bruder B. Häfely, SJ
Transkription von Josef C. Haefely, 23.3. 2002
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