Der Steinwirtshof im Mümliswiler Reckenkien
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Bild: Der Steinwirtshof 1998
Geschichtliches zum “Steinwirtshofs” (Nr.101)
und zum “Steinwirtsstöckli”, auch “Rügerihöfli” genannt (Nr.100),
im Mümliswiler Reckenkien
1806 führt Pfr. Josef Alois Wirz in seinem Verzeichnis aller Häuser und Familien von Mümliswil-Ramiswil im Reckenkien die folgende Familie auf:
Domus (Haus), Mummel Wolfen dicta (genannt)
Wolfgang Haefeli et Anna Maria Flury, Parentes (Eltern)
Infantes (Kinder): Jacobus, Maria, Anna Maria, Maria Anna, Johannes, Josephus, Anna Elisabetha
Bei diesem Haus handelt es sich um das Haus Nr.100 (heute Ernst Brunner, Keramiker). Wolfgang Haefeli-Flury (1749-1849) erreichte mit 100 Jahren 7 Monaten und 7 Tagen ein biblisches Alter und überlebte seinen Sohn Jakob, den “alten Steinwirt”, der mit 61Jahren verstarb, um ganze acht Jahre. Es ist anzunehmen, dass Wolfgang seinen ganzen Lebensabend im sogenannten “Haus des Mummel Wolf” (das spätere “Steinwirtsstöckli” oder “Rügerihöfli”) verbrachte.
1829 baute Jakob Haefely-Gyr, aus Mariastein zurückkehrend, auf einer Parzelle nördlich des Vaterhauses den stattlichen Steinwirtshof. Zimmermeister Josef Nussbaumer mass ihm 1829 sein “neues Gebäude” exakt aus. Umgehend bemühte sich Jakob Haefely-Gyr um die Erschliessung und Fassung einer guten Quelle und erhielt das für die Dünkelleitung benötigte Holz durch den Bezirksförster Messer zugesprochen. Gemäss Rosa Jäggi-Bloch aus Härkingen (*1906), die ihre Jugend auf dem Steinwirtshof verbracht hatte, war der Hof ursprünglich sehr zweckmässig und fortschrittlich eingerichtet. Als Beispiele nannte sie einen Göppel zum Dreschen. Auf den Nachbarhöfen wurde damals von Hand gedroschen. Auch einen Güllenauslauf und zwei Güllenlöcher waren ein Novum zu der Zeit. Andere Bauern mussten die Jauche abpumpen. Der wunderschöne gewölbte Keller sei ebenfalls eine Besonderheit gewesen.
Ein Planausschnitt aus dem Jahre 1842 von J. J. Messer zeigt die Höfe samt Umgebung. Der Steinwirtshof ist mit "Häfeli sel. Erben" und "Steinwirth-Höfli" bezeichnet, das "Steinwirtsstöckli" mit "J.(ohann) Häfeli Schuster". Oben im Bild ist der Verlauf der (alten) Passwangstrasse eingezeichnet.
Auf dem Steinwirtshof wuchsen Jakob und Magdalena Haefely-Gyrs drei Kinder Rosalia (1820-1898), Basil (1822-1897) und Alois (1827-1911) auf, die alle noch in Mariastein geboren wurden. In einem Brief, den der spätere Jesuitenpater Basil Haefely 1892 seinem Bruder Alois aus Prairie du Chien, USA, schrieb, erwähnt er ihre gemeinsamen glücklichen Jugendjahre im Reckenkien, wo die beiden Brüder “Soldaten spielten” und “mit dem Schlitten vom Passwang herab bis ins Dorf hinunter flogen”.
Als Jakob Haefely 1841 starb, war Rosalia 21, Alois erst 14 Jahre alt. Der 19-jährige Basil weilte in Fribourg, wo er studierte. Von dort aus schrieb er seiner Mutter am 10. Dezember 1841 einen Brief. Darin lässt er allen zu Hause herzliche Grüsse zukommen, wobei er im gleichen Atemzug neben Alois und Rosalia auch ein “Bethli” erwähnt. Diese war Jakob Haefelys jüngste Schwester Anna Elisabeth Haefeli (1788-1861), welche zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt und unverheiratet war und später nach Mariastein zog. So war demnach bis zur Volljährigkeit des Stammhalters Alois noch eine Hilfe im Haus.
Urs Haefeli, Sohn von Otto Haefeli-Bader, weiss zu berichten, dass seine Vorfahren auf dem “Steinwirtsstöckli” gelebt hätten. Nach dem Ableben von Wolfgang und Anna Maria Haefeli-Fluri (Wolfgang stirbt 1849) verblieb das “Steinwirtsstöckli” im Besitz der Familie und wurde von Jakobs Bruder Johann Haefeli (1783-1869) und seine Frau Elisabeth, geb. Brunner, bewohnt. Johann Haefeli hatte einen männlichen Nachkommen, Urs Viktor Josef Haefeli (1842-1910), der zweimal verheiratet war. Der zweiten Ehe mit Margareta Heimlicher (1865-1920) entsprossen die drei Töchter Frieda Rosa, Emma Margaretha und Ida Viktoria (“Schnäggehof Iddi”) und die beiden Söhne Albert (*1894) und der erwähnte Otto (*1895).
Alois Haefely vom Steinwirtshof verheiratete sich 1858 mit Maria Katharina, genannt “Jeanette” Walter (1836-1927). Im Reckenkien brachte diese elf Kinder zur Welt. Die Familie Alois und Jeanette Haefely-Walter verlegte ihren Wohnsitz vermutlich nach dem Tode von Jeanettes Bruder, dem Kammfabrikanten August Walter-von Rohr, 1878 ins Dorfzentrum (heute Haus Josef Haefely-Candio, Dorfstrasse 190). Dort betrieb Alois weiter etwas Landwirtschaft und führte auch eine kleine Schreinerei. Im Dorf kamen die beiden jüngsten Kinder, Anna und Josef zur Welt:
Bevor Alois den Hof verkaufte, überliess er ihn also für ca. 23 Jahre zur Pacht. Ernst Bloch-Ackermann und Rosa Jäggi-Bloch nennen Namen von Pächtern, ohne Angaben über Jahrzahlen machen zu können: ein Baumann wie auch ein Grolimund Gust (Franz Seppeli genannt) hätten den Steinwirtshof bewohnt und bewirtschaftet. Letzterer habe geholzt in der Stube. Dieses Detail verrät, dass der Steinwirtshof schon ziemlich heruntergewirtschaftet war. Etwa zwei Jahre lang sei er auch leer gestanden.
1901 verkaufte Alois Haefely-Walter, dem beide Höfe, der “Steinwirtshof” und das “Steinwirtsstöckli” gehört hatten, endgültig die gesamten Liegenschaften im Reckenkien. Ein erhaltener Kaufvertrag vom 9. Oktober 1901 zwischen Alois Haefely und Robert Stocker führt auf:
Hyp. Buch Mümliswil No.146, 356a 85 qm oder 9 ¾ Jucharten 6500°‘ Ein Höflein im Reckenkien, No.1875. Darauf steht ein Wohnhaus und Scheuer No.100
Der neue Besitzer Robert Stocker hielt in seiner Stube auf dem Steinwirtshof die freisinnigen Parteiversammlungen ab. Gemäss Ernst Bloch habe er das Politisieren mehr geliebt als das Bauern - nicht unbedingt zum Vorteil der Liegenschaft.
Arnold Bloch (1869-1925) von der Oberen Limmern, wo noch heute eine Familie Bloch wohnt, erwarb den Steinwirtshof im Jahre 1909 käuflich von Robert Stocker. Arnold war der Bruder von Ammann Josef Bloch-Nussbaumer. Vorher arbeitete Arnold in Deitingen auf einem Bauernhof, wo er seine spätere Frau Anna Marie Affolter kennenlernte. Der dortige Meisterhof war kaum zu übernehmen, denn Anna Marie hatte noch einen Bruder. Arnolds Bruder Josef ermöglichte die Rückkehr und den Erwerb des Hofes. Rosa Jäggi–Bloch nannte als Kaufpreis 40'000 Franken. Nach übereinstimmenden Angaben von Ernst Brunner und Ernst Bloch hätte Arnold Bloch für nur 10'000 Franken auch noch das “Steinwirtshöfli” (Haus von Ernst Brunner) erwerben können. Er fand aber, dass ihm der obere Hof genüge. Eine Bürgschaft von 10'000 Franken habe die Familie hart belastet. Bis diese abgetragen gewesen sei, hätten alle schmal durch und immer bis spät arbeiten müssen.
Der Steinwirtshof, obwohl gemäss Rosa Jäggi-Bloch sehr fortschrittlich gebaut, hatte nach all den Jahren beträchtlich gelitten. So waren etwa die Güllenlöcher eingebrochen und das Dach undicht geworden. Als Vater Arnold 56-jährig starb, habe man mehr “hingertsi buuret”, wusste Ernst Bloch zu berichten. Rosa, die Älteste, habe mit den Pferdemaschinen gearbeitet wie ein Mann.
Die Familie Bloch passte den Hof etwas ihren Bedürfnissen an. Sie riss die baufällige und nicht mehr regendichte offene Holzlaube auf der Nordseite, welche über die Gangtreppe zu erreichen war, ab und mauerte einige neue Räume vor. Auch das Dach wurde neu eingedeckt. 1945, kurz vor dem Kriegsende, brach das Vordach der Scheune ein. Ernst Bloch glaubte an einen Granateneinschlag, als er den Knall hörte. Man habe Glück gehabt, dass keine Menschen Schaden genommen hätten. Kurz vorher sei nämlich noch jemand vorbeigekommen.
Arnold Bloch sei ein passionierter Jäger und Wildhüter gewesen. Seine Hasen habe er in den Mümliswiler “Ochsen” oder auch in den Langenbrucker “Bären” gebracht. Das habe der Familie Bloch einen gewissen Nebenverdienst ermöglicht.
Nach Rosa Jäggi muss Arnold Bloch ein fröhlicher Mensch mit gutem Humor gewesen sein. Dazu führt sie die folgenden Beispiele an: Der Vater habe sie Melken gelehrt, was gar nicht einfach sei. Rosas etwas verunreinigt gemolkene Milch habe den Vater zur Bemerkung veranlasst: “Hesch dr Kaffi grad mitgmouche?!”
Arnold Bloch sei auch Initiant der Reckenkiener Käserei gewesen und überhaupt wenig nachtragend. Eines Tages sei sie wie üblich mit dem vorgespannten Karren in die Käserei gefahren, um dort die Milch abzugeben. Jedenfalls seien in der Käserei von 50 Litern nur gerade 5 angekommen, der Rest war irgendwo auf der Strecke geblieben. Der Käser hatte Mitleid mit dem jungen Mädchen und sagte, er schreibe statt “50” eben “05” hin; der Vater werde es dann nicht so bald merken. Tatsächlich sei dieser Vertuschungsversuch erst viel später beim Abrechnen entdeckt worden. Vater habe sie nur gefragt: “Hesch Müuch verschüttet?!” Keine Schelte, keine Strafe.
Beim Melken habe Arnold stets gesungen und Rosa viele Lieder beigebracht. Am Sonntagmorgen, um fünf Uhr in der Frühe, habe es schon aus dem Stall geschallt: “Sonntag ist’s in allen Wipfeln...” Der heute noch bestehende Tannliweg an der Zufahrt zum Hof habe Arnold Bloch angepflanzt.
Frau Jeanette Walter (1836-1927), die Gattin des “Steinwirts Alois”, liebte Gravensteiner Äpfel über alles. So durfte Rosa als Älteste regelmässig mit dem Karren ins Dorf fahren, um ihr einen Korb voll zu bringen. Sie habe die alte Frau Haefely in ihrem Stübchen im Parterre auf dem Divan sitzend angetroffen. Ihre Schwiegertochter Frau Haefely-Glutz habe mit dem Obst dann Wähen gebacken. Auch nach dem Umzug der Familie Haefely ins Dorfzentrum habe sich die ehemalige Steinwirtshöflerin immer nach ihren geliebten Apfelbäumen erkundigt und gefragt, ob dieser oder jener Baum noch stehe. Zeit ihres Lebens sei sie mit dem Steinwirtshof verbunden geblieben.
Folgende Kinder von Arnold und Anna Bloch-Affolter wurden auf dem Steinwirtshof geboren:
Rosa Jäggi-Bloch (28.12.1906 - 8.3.2003, zuletzt in Härkingen lebend)
Marie Brunner-Bloch
Theodor Bloch-Saner
Sepp Bloch-Müller
Ernst Bloch-Ackermann (*1914). Er lebt mit seiner Frau noch heute auf dem Steinwirtshof, hat den Betrieb aber an seinen Sohn Werner Bloch-Nussbaumer abgetreten.
Ernst Brunner weiss über das kleine steinerne Kreuz am “Tannliweg”, welches von Westen zum Steinwirtshof führt, zu berichten: In der früheren “frommen Zeit”, als es noch üblich gewesen sei, Kreuze und Bildstöcke aufzustellen, habe Arnold Bloch oder Ernst Brunners Vater die Idee gehabt, auf dem kleinen Hügelchen, welches früher noch ausgeprägter gewesen sei, ein Kreuz zu stellen, was man auch getan habe. Später sei dieses dann kaputt gegangen. schliesslich wurde das heutige Steinkreuz aufgestellt, nachdem während einiger Zeit eine Lücke gewesen wäre. Der Tannliweg ist in der Mitte nicht mehr vollständig. Der Boden sei da nicht ideal, wahrscheinlich zu felsig. Jedenfalls sind die Tannen dort abgestorben.
Zusammenstellung dieser Informationen nach Auswertung von Originaldokumenten aus der Zeit, nach Angaben von Ernst Brunner, Keramiker im Reckenkien, Angaben der Familie Ernst Bloch-Ackermann auf dem Steinwirtshof und Rosa Jäggi-Bloch in Härkingen, Ende September 2001, mit Ergänzungen vom 3. November 2001.
Notiert und redigiert von Josef C. Haefely, letzte Aktualisierung am 27.05.2003
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