Das Wegkreuz auf der Breitenhöhe
Auf dem Sattel der Breitenhöhe steht, an der Nordseite der Strasse gelegen, ein uraltes Kreuz. Der Mümliswiler Ortsgeschichtsforscher Max Walter-Feigel schrieb im Jahre 1937 darüber:
"Ein schönes Kruzifix aus Stein auf einem Granitsockel (Findling) steht auf der Breitenhöhe. Es trägt u. a. die Inschrift H. V. 1666. Seine Geschichte oder Sage ist uns unbekannt; sie bleibt wohl - wie bei den übrigen in dieser Schrift nicht aufgezählten Feld- und Wegkreuzen des Guldenthales - ewiges Geheimnis!"
Das Breitenhöhekreuz am 24. Juli 2002 nach der Restaurierung durch die Gemeinde Mümliswil-Ramiswil.
Die Solothurner Volkskundlerin Elisabeth Pfluger beschreibt im Band «Solothurner Geschichten» (Nr. 162) dieses Kreuz folgendermassen:
"Das Chrüz uf der Breitehöchi hed drei ganz verschideni Sockel. Der ungerst isch us verwitteredem Chalchstei. Druff isch e höche, runde Geisbärger, wo ne usdienede Rybi- oder Mülistei chönnt sy. Denn chund e chlynere, quadratisch ghaune Block, wo s Chrüz treit. Vom Chrüz isch der unger Teil vill elter as der ober. Ufem kreisrunde Granitsockel stoht d Johrzahl 1666 und zwüsche de Buechstabe HV es Vagantezeiche, wome chönnt düte wie eine, wo gäge Langebrugg zue fliet."
Gestützt auf Angaben von Paul Haefeli-Lack und Emil Nussbaumer-Haefely erklärt Elisabeth Pfluger die Geschichte des Kreuzes folgendermassen:
"Übere Dryssgjeerig Chrieg hei vill Mannevölcher s Schaffe verlehrt. Derfür hei si allerlei Untugeden agnoo. Zu Bandene zämegrotted sy si dene, wo gluegt und ghuused hei, ufsässig gsi mit Bättlen und Brotheusche, mit Stählen und Räubere. Di gschafferige Lüüt si s Läbes nümm sicher gsi vor däm Vaganten- und Schelmepack. Do hed d Regierig müese ygryfe. Landjeger hei die Raubgselle gluegt yzfoo, und denn hed me sen is Schällewärch zwunge. Die schlaue Sidiane hei si do zu no grössere Bandene zämegrotted. lhri Lagerplätz si eisder nooch anere Kantonsgränze gsi. Wenn de d Landjeger vo der einte Regierig agruckt si, hei d Vagante gäbig vo eim Sädel ufen anger chöne rütsche uf der ähnere Site vom March. Vo dört us hei si d Polizei ungstroft chöne uspfyffe und wider zrugg zügle, wenn d Luft rein gsi isch. Einisch hed d Basler Regierig z Langebrugg Jagd uf sone Huderebandi gmacht, wo dört d Lüüt erpresst und usgsugged hed. Do si öppe dryssg deren Ufläät d Bachtelen uuf gägem Soledurnische zue gfloche. Zum Glück hed öpper d Mümliswiler chöne warne. D Buure vo de nöchste Höfe, der Breite, Schwängle, Seeblede, em Schlossweidli, der Beerede und no settig vom Dorf hei si zämegrotted, für däm Pack d Gränze z verwehre. Mit Sägeze, Dröschflegle, Chärst und Chnüttle, Säblen und Muusermässer sy si de Vaganten ergäge. Am Gränzmarch uf der Breitehöchi heds e Rumpussede gee uf Tod und Läbe. D Hudere hei der Chürzer zoge und müese flie. Es paar vone si aber ufem Platz blibe und hei müese is Gras bysse. A Ort und Stell hed me di Tote vergrabe. Und as au d Geister vo den Erschlagne ihri Ruei finge, hed me nes gsägneds Zeiche, nes Chrüz, häretoo."
Neue Erkenntnisse über den Ursprung des Breitenhöhekreuzes
Ein wichtiger Mosaikstein zur Rekonstruktion der Geschichte dieses Kreuzes entdeckte ich im Sommer 2002. Ausgangspunkt war das von Elisabeth Pfluger erwähnte "Vagantenzeichen" am Fuss des Kreuzes. Beim Erstellen einer Fotodokumentation von zwölf alten Grabplatten, die an der nördlichen Stützmauer der Mümliswiler Pfarrkirche eingemauert sind, fand nach der Reinigung der Platten eine von ihnen mein besonderes Interesse, nämlich jene eines "Hans Uecker, des Gerichts", vermutlich eines Ahnen der heutigen Familien Jeker in Mümliswil.
HIER LIGT BEGRABEN DER EHRSAME UND BESCHEIDNE HANS UECKER
DES GERICHTS SEINES ALTERS 68 JAHR . . . AM . . . DEN 20 AUG 1696
DISER GRABSTEIN IST ZWAR HIER MIR
IEDOCH VIL MER AUFGRICHTET DIR
SEY WER DU WILST HAB AUF DICH ACHT
UND WEIL DU LEBST HALT GUTE WACHT
DAN NIEMANDT WEIS DIE STUND UND ZEIT
BEHÜET DICH GOTT UND SEI BEREIT
Ein Vergleich des Familienwappens der Grabplatte mit dem "Vagantenzeichen" des Breitenhöhekreuzes bestätigte, dass beide Zeichen identisch sind. Dabei wurde auch ein entscheidender Hinweis auf die Deutung der Initalen "H. V." mitgeliefert. Diese könnten für HANS VECKER stehen (Als U wurde auf Inschriften regelmässig - nach römischer Tradition - ein V geschrieben).
Allerdings war vorerst nicht gesichert, aus welcher Zeit die Grabplatte stammte. Ihr unteres Ende mit einer möglichen Angabe lag nämlich unter dem Bodenniveau begraben. Auch bei Max Walter-Feigel, der die Grabplatten in sein Büchlein "Ortsgeschichtliches aus Mümliswil-Ramiswil, Bd. 2" aufgenommen hatte, klaffte bei der Transkription an dieser Stelle eine Lücke. Eine kleine Grabaktion förderte die fehlende Datierung glücklicherweise zutage: "DEN 20 AUG 1696". Somit wäre es durchaus möglich, dass der 38jährige "Hans Uecker des Gerichts" der Stifter des Breitenhöhekreuzes war. Dass er als Amtsträger über die finanziellen Mittel verfügte, beweist nicht zuletzt die aufwendig gearbeitete Grabplatte. Wer weiss, ob einmal ein weiterer Zufall Aufschluss geben wird über den genauen Beweggrund, welcher den Stifter zum Errichten dieses Kreuzes geführt haben mag?!
Josef C. Haefely, 7. September 2002
Übrigens: Eine Aufnahme des Breitenhöhekreuzes wird sich auf dem Dezemberblatt des "Guldentaler Kalenders 2003" finden lassen. Dieser erscheint unter dem Titel "Wegzeichen".
Eine Fotografie, aufgenommen um 1920 von Josef Haefely-Glutz, zeigt, dass dem Kreuz als Wetterschutz früher eine mächtige Linde beigesellt war.
