haefely.info    

     

Die ordentliche Tochter

 

Klar, dass Vater nicht der ordentlichste Mensch auf Erden war. Stets lag auf seinem Schreibtisch irgend ein Ding zuviel da, und auch gleich daneben auf dem Computertisch hatten Türmchen aus angesammelten Akten schon eine gefährliche Schieflage erreicht. Dasselbe liess sich von Vaters Nachttischchen sagen, nur dass es sich dort um Bettlektüren handelte: für jedes Einschlafen ein neues Buch, und das schätzungsweise seit einem Monat. Seine Tochter war in dieser Beziehung völlig anders, das verriet ein einziger Blick in ihr Zimmer. Dort lag jedes Ding genau da, wo man es eigentlich erwartet hätte, sogar der Papierkorb wurde regelmässig geleert. Manchmal zeigte sie ihrem Vater gegenüber spontanes Mitleid, dann etwa, wenn sie den Aktenturm auf seinem Schreibtisch in zwei niedrigere Türmchen teilte. Das geschah jeweils kurz vor dem endgültigen Zusammensturz, und sie verzog dabei immer leicht den Mund, wie um anzudeuten, dass ihr Vaters Eigenart aus ganzem Herzen unbegreiflich war.

So kam jener Sommermittag, als Vater wie gewöhnlich nach Hause zurückkehrte. Ungewöhnlich war nur seine Ankündigung, er habe sich den Nachmittag frei genommen: Arbeit gebe es im Augenblick kaum genug, ausserdem verspüre er eine unsägliche Lust, sich wieder einmal auf den Sattel seines Fahrrads zu schwingen. Und er schätzte ab, sich bis zum Abend durch den Wald und von dort wieder nach Hause gekurbelt zu haben. Seine Frau nahm die sportliche Anwandlung des in jüngster Zeit etwas Ungeduldigen mit Wohlwollen zur Kenntnis, während an die Tochter nach der Sattelbesteigung der den väterliche Wunsch erging, sie möge doch bitte für ihn das Auto in Ordnung bringen. Morgen erwarte ihn nämlich ein anstrengender Tag. Früher als üblich müsse er zu einer auswärtigen Besprechung fahren und sei auf einen blitzblanken Wagen angewiesen. Manchmal hänge ein erfolgreicher Vertragsabschluss von solchen Kleinigkeiten ab, waren seine letzten Worte, bevor ihn Nachbars Hausecke verschluckte. Der Vater kannte das Talent seiner Tochter nur zu gut: Ordnung schaffen konnte sie wie keine Zweite, und es bereitete ihr erst noch Vergnügen. Man schätzte sich glücklich, eine solche Tochter zu besitzen.

Stunden dauerte es, ehe Vater wieder auftauchte. Mag sein, dass er auf seiner Fahrt auch noch Bekannte getroffen und sich mit ihnen die Zeit kurz gemacht hatte, jedenfalls war die verschwitze Gestalt im Renntrikot, die keuchend das Gartentor aufstiess, nur noch als Umriss auszumachen. Das Tor gab stets jenes klagendes Geräusch von sich, welches die Frau des Heimkehrenden einen Blick nach draussen werfen liess. Schon lenkte der Erschöpfte sein Vehikel vorsichtig über die Einfahrt und liess es unter dem Vordach stehen, während er rasche Zischlaute von sich gab. Ob er sich etwa überfordert habe, wollte die Besorgte wissen. Mit einer abwehrenden Geste deutete der nach Luft Schnappende an, sie möge ihm etwas zu trinken holen. Dann, als er sich in den Gartensessel hatte fallen lassen, wollte er beiläufig wissen, ob die Tochter nun das Auto in Ordnung gebracht habe. Deren Mutter nickte: Den ganzen Nachmittag habe sie die Kleine nur ein einziges Mal gesehen, nämlich als sie im Garten einen Kessel mit Wasser gefüllt habe. Auch seien aus der Garage hin und wieder Geräusche gedrungen. Der Schweissgebadete lächelte: Er wusste, auf seine Tochter war Verlass. Nun schlafe sie übrigens schon, fügte die Gattin an. Die Arbeit vom Nachmittag müsse sie wohl ziemlich ermüdet haben.

Eine Viertelstunde später hatte der Vater sein drittes Glas geleert. Die Arme waren unter dem Wasserhahn abgekühlt und getrocknet worden. Nun dachte er, vor dem Schlafengehen noch den Kontrollgang hinüber zur Garage zu machen. Vorher erinnerte er seine Gattin das dritte Mal in Folge daran, sie möge ihn in jedem Fall wecken kommen. Vermutlich würde er tiefer als üblich schlafen. So ging er einige müde Schritte zur Garage, um dort das Werk seiner Tochter zu begutachten. Mit einem Ruck schob er das Tor nach oben und erstarrte, fassungslos, was er da vor sich sah. Sein Blick schweifte durch den Raum, wo sein blitzblank poliertes Auto vor ihm stand. In der Kühlerhaube spiegelte sich wie gewohnt die schwach schimmernde Deckenleuchte. Direkt vor dem Wagen aber lag jedes auch irgendwie demontierbare Teilchen des Motors. Fein säuberlich ausgebaut waren sie alle, Filter, Ventile, Schläuche und Zündkerzen, alles mit Sorgfalt gereinigt und in einer Reihe der Grösse nach auf dem peinlich gefegten Betonboden ausgelegt. Die Schläuche behutsam aufgerollt, jede Schraube exakt ausgerichtet direkt neben dem Teil, wo sie hingehörte. Alle Unterlagsscheiben, jede Dichtung war, vom letzten Ölrest befreit, hübsch sortiert und ausgelegt nach ihrer jeweiligen Lochgrösse. Ein wirklich ordentliches Bild! Und an der Windschutzscheibe klebte ein Zettel für ihn, ihren Vater: „Lieber Papi, endlich ist alles sauber. Nun musst Du nur alles wieder zusammenschrauben. Kuss und gute Nacht!“

 

Frei erfunden von Josef C. Haefely am 14. Juli 2003 und seinem Bruder Dominik gewidmet, sprachlich überarbeitet am 21.09.2003.

zu weiteren Geschichten des Monats

Seit dem 14. Juli 2003 sind Sie BesucherIn Nr. Zugriffszähler