haefely.info    

     

Der fremde Sohn

Von Anthony de Mello

Ein Soldat wurde eilend von der Front zurückgerufen, weil sein Vater im Sterben lag. Der Soldat erhielt eine Sondergenehmigung, denn ausser ihm hatte sein Vater keine Familienangehörigen mehr.

Als der Soldat die Intensivstation betrat, erkannte er sofort, dass dieser halb bewusstlose Mann mit Schläuchen in Mund und Nase nicht sein Vater war. Irgendjemand hatte sich geirrt und den falschen Soldaten von der Front geholt. "Wie lange wird er noch leben?", fragte er den Arzt. "Nur noch ein paar Stunden. Sie haben es gerade geschafft."

Der Soldat dachte an den Sohn des sterbenden Mannes, der Gott weiss wo, Tausende von Meilen entfernt an der Front war. Er dachte an den alten Mann, der nur in der Hoffnung am Leben geblieben war, dass er seinen Sohn noch einmal sehen würde, ehe er starb. Das bestimmte seinen Entschluss. Er beugte sich vor, ergriff die Hand des alten Mannes und sagte leise: "Vater, ich bin da. Ich bin zurück." Der Sterbende umklammerte die hingestreckte Hand; seine leeren Augen öffneten sich und blickten umher; ein zufriedenes Lächeln ging über sein Gesicht und blieb dort, bis er etwa eine Stunde später starb.

 

Manchmal werden Verzeihung und Dank wortlos in einen Händedruck gelegt. Manchmal - in seltsamen Momenten - werden sie sogar stellvertretend für einen anderen gespendet. Wie dem auch sei, selig die Eltern, die solches erleben dürfen! Und selig die Kinder, die sich dazu durchringen! Ihnen ist seit über 3000 Jahren "Wohlergehen auf Erden" verheissen. In Anthony de Mellos Shortstory geht es um eine Sohn-Vater-Beziehung. Diese ist auf mysteriöse Weise unrichtig und goldrichtig, falsch und echt in einem. Sohn oder Tochter wird man nicht einfach durch elterliche Genmixture, der  man sein "Existenzminimum" (nach Viktor Frankl, österreichischer Psychotherapeut) verdankt. Sohn oder Tochter wird man auch nicht durch den Geisteshauch, der das "Existenzminimum" zum "Existenztotum" (Frankl) aufstockt. In diesem human-divinen Doppelakt wird man Person. Den Namen Sohn oder Tochter muss man sich aber erst noch erwerben. Erwerben in einem noblen Rückgabe-Doppelakt gegenüber den Eltern, nämlich in der Vergebung ihrer Erziehungssünden und in der Belobigung ihrer Erziehungsleistungen. Wer seinen Eltern nie verziehen hat, wer ihnen nie gedankt hat, ist nie Sohn oder Tochter gewesen. Insofern beschreibt Anthony de Mello in seiner Shortstory einen echten Sohn.

Kommentar von Elisabeth Lukas

Die Geschichte hat Elisabeth Lukas neben vielen anderen in ihrem empfehlenswerten Buch "Für dich - Heilende Geschichten der Liebe" veröffentlicht, Kösel Verlag 2003, ISBN 3-466-36620-8

zu weiteren Geschichten des Monats