Der Gaslaternenpfahl
von Gilbert Keith Chesterton
"Nehmen wir an, auf der Straße kommt es wegen irgendetwas zu einem großen Auflauf, sagen wir wegen eines Gaslaternenpfahls, den sich etliche angesehene Leute in den Kopf gesetzt haben niederzureißen. Ein graugewandeter Mensch, der den Geist des Mittelalters verkörpert, wird wegen der Angelegenheit nach seiner Meinung gefragt und hebt in der trockenen Manier des Schulmannes an zu argumentieren: "Betrachten wir zuvördest, meine Brüder, den Wert des Lichtes. Wenn Licht, für sich genommen, gut -" Daß ihn jemand an diesem Punkte seiner Ausführungen zu Boden streckt, erscheint einigermaßen verzeihlich. Alle stürzen sich auf den Laternenpfahl, der binnen zehn Minuten herausgerissen ist; daraufhin beglückwünscht man sich gegenseitig dazu, daß man soviel unmittelalterlich praktische Tüchtigkeit bewiesen hat. Im Fortgang aber zeigt sich, daß die Sache doch nicht ganz so einfach ist. Manche haben den Laternenpfahl niedergerissen, weil sie elektrisches Licht haben wollten, manche, weil es ihnen um Alteisen ging, manche, weil sie Böses vorhatten und dazu Dunkelheit brauchten. Manche fanden den Laternenpfahl übertrieben, anderen war er nicht gut genug; manche beteiligten sich, weil sie städtisches Eigentum zertrümmern wollten, andere weil sie irgendetwas zertrümmern wollten. Und so herrscht Krieg in der Nacht, und keiner weiß, auf wen er einschlägt. Allmählich und unausweichlich, heute, morgen oder übermorgen, kehrt die Einsicht zurück, daß der Mönch am Ende doch recht hatte und daß alles davon abhängt, wie man über das Licht denkt. Nur müssen wir jetzt die Diskussion, die wir unter der Gaslaterne hätten führen können, im Dunkeln führen."
Entnommen dem Buch "KETZER - Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter"; aus dem Englischen neu übersetzt von Monika Noll und Ulrich Enderwitz, erschienen als Band 165 in der 'Anderen Bibliothek' des 'Eichborn Verlags', Frankfurt am Main, September 1998. ISBN 3-8218-4165-6.
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Das englische Original wurde unter dem Titel Heretics im Jahre 1905 bei 'John Lane/The Bodley Head' in London verlegt.