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Die Weisheit des Fabeldichters

 

Eines Tages bat ein Reisender den griechischen Fabeldichter Aesop, der am Rand der Strasse sass, die nach Athen führte, um eine Auskunft: "Sag mir, guter Mann, wie sind denn die Leute in Athen? Kann man mit ihnen auskommen, kann man ihnen trauen?" Aosop fragte den Fremden: "Sag du mir erst, woher du kommst und was dort für Leute leben!" Der Reisende runzelte die Stirn und antwortete: "Ich komme aus Argos. Die Menschen dort taugen nichts. Sie sind Lügner, faule Bäuche und Tagediebe. Sie streiten den ganzen Tag! Ich bin heilfroh, endlich von dort wegzukommen!" Darauf erwiderte der Dichter: "Es tut mir leid, junger Mann, dass ich dich enttäuschen muss. Du wirst die Leute in Athen nicht anders finden als jene von Argos, woher du gekommen bist!"

Wenig später kam ein anderer Reisender des Weges und stellte Aesop dieselbe Frage: "Wie sind denn die Leute in Athen?" Als Aesop sich auch bei ihm nach seiner Herkunft und den Bewohnern seiner Stadt erkundigte, meinte der Mann: "Ach, ich komme gerade von Argos. Die Leute dort sind freundlich, ich mag sie gut leiden. Eigentlich bin ich ungern von dort weggezogen." Nun lächelte der Dichter und erwiderte: "Junger Freund, ich freue mich, dir mitteilen zu dürfen, dass die Leute von Athen genauso sein werden wie jene in Argos. Du wirst glänzend mit ihnen auskommen und wirst dich dort bald zu Hause fühlen."

Aus: "Wo sich die Liebe freut", Märchen- und Fabelhaftes aus alter und neuer Zeit, Augenblicke der Besinnung, Missionsverlag Marianhill Würzburg

 

Aesop lebte angeblich Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus. Die ihm zugeschriebenen Fabeln - meistens Tierfabeln - gehen wahrscheinlich auf mündliche Überlieferung zurück. Sein Werk ist nur in späteren Überarbeitungen erhalten. Interessierte finden Aesops Fabeln online unter http://www.udoklinger.de/Fabeln/Aesop.htm 
 

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