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Antisemitismusdebatte: Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion
Von Shraga Elam
Shraga Elam ist israelischer Recherchierjournalist und Buchautor mit den Spezialgebieten Israel-Palästina-Konflikt sowie Zweiter Weltkrieg. Er lebt in der Schweiz und beschäftigt sich seit 15 Jahren intensiv mit Problemen der jüdischen Vergangenheitsaufarbeitung. Seine Publikationen zur Rolle der Schweiz während der Nazi-Zeit ernteten auch in Fachkreisen grosse Anerkennung.
Die in linken Kreisen heftige Diskussion um die angeblichen antijüdischen Inhalte auf der schweizerischen Website der WEF-GegnerInnen, Indymedia, benötigt u.a. eine seriöse und sachliche Auseinandersetzung mit der Definition des Judenhasses und dem problematischen Umgang mit diesem in der europäischen Gesellschaft sehr verwurzelten Phänomen. Die Basler Organisation Aktion „Kinder des Holocaust“ (AKdH) reichte - auf Veranlassung einer linken Aktivistin - gegen zwei Moderatoren der Schweizer Website der Anti-WEF-Gegner Indymedia eine Strafanzeige wegen einer Verletzung des Antirassimus-Gesetzes ein. Im Moment prüft die Polizei, ob in der Tat die Karikatur eines brasilianischen Karikaturisten, welche u.a. auch auf jener Website platziert wurde, das Antirassismusgesetz verletze.
In der Folge wird „Judeophobie“ anstelle des an sich rassistischen Begriffs „Antisemitismus“ verwendet. Die Begründung dafür wurde in einer Festschrift zum 70. Geburtstag des bekannten jüdischen Funktionärs Sigi Feigel beschrieben. Dort steht: „Heute wird der Judenhass als Antisemitismus bezeichnet. Dieser verniedlichende Begriff wurde 1879 in Berlin von Wilhelm Marr [einem völkischen Vordenker des Nationalsozialismus - SE] geprägt. (...) Da ... der falsche und irreführende völkisch-rassistische Ausdruck 'Antisemitismus' sich in der Umgangssprache durchgesetzt hat, soll er im folgenden für dessen moderne Erscheinungsform zur Anwendung gelangen[1].“. - Diese Schlussfolgerung ist merkwürdig, denn die berechtigte Kritik an einem solchen Sprachgebrauch verlangt eigentlich, dass die Bezeichnung für diese Vorurteile ersetzt werden sollte. Abgesehen von der Benennungsschwierigkeit stellt die genaue Definition dieses Begriffs eine sehr komplexe und umstrittene Frage dar. Auf der einen Seite besteht die Bestrebung, den Umfang des Bedeutungsfeldes so breit wie nur möglich zu halten und überall eine virulente Judeophobie festzustellen. Andererseits gibt es die unübersehbaren Bemühungen, die Verbreitung der Judeophobie völlig zu verharmlosen. Beide Tendenzen haben im Moment Hochkonjunktur und bilden zwei Aspekte der gleichen gefährlichen Entwicklung. Denn ohne Zweifel ist in Europa zur Zeit eine besorgniserregende neue antijüdische Welle zu beobachten, derer Hintergrund eine genauere Analyse verdient. Als wichtige Mitursachen sollen auf jeden Fall die Versuche jüdischer Funktionäre, die Verurteilung der israelischen Kriegsverbrechen zu verhindern, sowie die aggressive und nicht immer glaubwürdige jüdische Restitutions- und Reparationskampagne gezählt werden.
Der Einsatz sehr vieler jüdischer VertreterInnen gegen die Kritik am grassierenden Rassismus in Israel und die damit verbundenen gravierenden Menschenrechtsverletzungen begünstigen die Vorurteile bezüglich der automatischen Identifizierung von jüdischen Menschen mit dem israelischen Staat und beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit von solchen Personen und ihren Organisationen. Verschiedene Voten erwecken den Eindruck, dass mit voreiligen Behauptungen wie z.B. im Fall des Rabbiner-Mordes in Zürich letztes Jahr der Versuch gemacht wird, von den israelischen Vergehen abzulenken. Die Kampagne der US-amerikanischen jüdischen Organisationen in Sachen jüdische Vermögen und Nazigold hinterliess einen sehr bitteren Geschmack bei erschreckend breiten Schweizer Kreisen. Dies wurde übrigens von den betreffenden jüdischen Organisationen sehr zynisch in Kauf genommen. Die Angst der hiesigen Medien, dieses Thema kritisch aufzugreifen, vertieft und verschärft diese Situation noch. Die starke Tabuisierung so genannt jüdischer Themen und deren massive Zensurierung trägt zur Entstehung und Aufrechterhaltung von antijüdischen Feindbildern bei anstatt sie zu bekämpfen. Denn durch den Versuch, eine legitime und normale Kritik abzublocken, entsteht der falsche Eindruck, jegliche Berichterstattung über jüdische Themen sei manipuliert. Das kann zu einem totalen Verlust an Glaubwürdigkeit der Medien führen. Das Bild von „den Juden“ ist nach wie vor entweder übermässig positiv oder unverhältnismässig negativ. „Der Jude“ ist in den Augen vieler kein normaler Mensch - er ist ein Heiliger oder Dämon. Wobei der Übergang von einem Vorurteil in das andere jeweils nahtlos erfolgen kann. Die heutigen Judeophilen/Judeophilinnen könnten durch ihre ebenso rassistischen Vorurteile zu den Judeophoben von morgen mutieren.
Zwei Aspekte der Judeophobie
Ohne alle Erscheinungsformen der Judeophobie zu beschreiben, wird hier der Versuch unternommen, auf zwei tabuisierte Themen, die im jetzigen Konflikt zwischen AkdH und Indymedia Switzerland relevant sind, näher einzugehen:
'Du sollst Dir kein Gleichnis machen'
Die Verfechter des strengen Vergleichsverbots argumentieren mit der Einmaligkeit der jüdischen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und dass jede Missachtung dieser Vorschrift mit einer Verharmlosung jener Katastrophe gleichzusetzen sei. Es wird behauptet, dass die "Holocaust-Vergleicher" jeweils von der eigenen Schuld abzulenken versuchen. Mit besonderem Nachdruck wird dieser Vorwurf verwendet, wenn es um eine Analogie zwischen der NS-Judenpolitik und der israelischen Unterdrückung der PalästinenserInnen geht. Dagegen wird gehalten, dass die jüdische Shoa zwar ohne Zweifel ein singuläres Ereignis sei, jedoch auch diese schrecklichen Verfolgungen - wie alle andere von Menschen produzierten Katastrophen - gewisse Ähnlichkeiten mit anderen Kriegsverbrechen aufwiesen. In der Geschichte sind Analogien, Wurzeln, Fortsetzungen und manchmal sogar Wiederholungen zu finden, welche natürlich nicht identisch sind mit dem ursprünglichen Geschehnis. Insofern ist das Vergleichen eine legitime und notwendige historische Methode. Eine konsequente Durchsetzung des Vergleichsverbots bedeutet entsprechend nichts anderes, als die Platzierung des Judeozids ausserhalb des Betrachtungsfelds des wissenschaftlichen Diskurses. Eine solche Tabuisierung bedeutet auch, dass keine Lehren aus dieser Erfahrung gezogen werden können.
Da, wie man weiss, viele Gewaltopfer dazu tendieren, das erlittene Leid weiterzugeben, kann es nicht von vornherein unzulässig sein, die schreckliche Nazipolitik neben die israelischen Menschenrechtenverletzungen zu stellen. Selbstverständlich ist jedoch eine vorsichtige sachliche Prüfung der Fakten unabdingbar, bevor solche Parallelen gezogen werden. Eine glaubwürdige Verurteilung israelischer Vergehen in diesem Fall darf nicht durch voreilige und unberechtigte Behauptungen gelenkt sein. Die KritikerInnen müssen auch zuerst sehr genau prüfen, inwiefern ihre Missbilligungen durch antijüdische Vorurteile geprägt sind. Auf der anderen Seite klammern die Main-Stream-Medien in den Industrieländern - aus falscher Rücksicht und Angst - viele Berichte aus, die Israel in einem noch schlechteren Licht darstellen würden. Es ist gerade das Verdienst von Quellen wie Indymedia, und vor allem deren israelischen Ablegern, dass solche Informationen doch an ein breiteres interessiertes Publikum gelangen.
Es gibt zu denken, dass sich gerade orthodoxe VerfechterInnen des Vergleichsverbots selber nicht an dieses halten. Denn viele von Ihnen zogen - und ziehen immer noch - Parallen zwischen Hitler und Saddam Hussein bzw. Slobodan Milosevic. In Israel tendieren Ultranationalisten dazu, alle Feinde ebenfalls mit den Nazis gleichzusetzen. Interessanterweise bezeichnen die SiedlerInnen in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten jeweils israelische Soldaten als Nazis, wenn diese die SiedlerInnen von Pogromen an der palästinensischen Bevölkerung abzuhalten versuchen (s. z.B. die Reaktion eines israelischen Offiziers auf der Ma'ariv-Website vom 23.2.2002). Und noch mehr zu denken gibt die momentane Situation im Nahen Osten, wo eine gewaltsame Vertreibung und Ghettoisierung der palästinensischen Bevölkerung von zentralen israelischen politischen und militärischen Figuren offen konkret vorgeschlagen und geplant wird. Eine nähere Betrachtung der jetzigen innerisraelischen Diskussionen zeigt, dass gerade die verpönte und stark tabuisierten Vergleiche eine wichtige Rolle spielen. Die ScharfmacherInnen und FriedensbefürworterInnen bedienen sich – zynisch bzw. mahnend - des Vergleichs von Israels Kriegsverbrechen mit der Nazi-Judenpolitik. Der Grund dafür liegt nicht nur darin, dass man in Israel dieses Tabu leichter bricht, als im Ausland. Das Militär und die Rechtsradikalen in Israel scheuen sich nicht, Ideen aus dem Nazi-Sumpf zu schöpfen. So berichtete am 25. Januar der renommierte Militärexperte der Tageszeitung «Haaretz», Amir Oren, Generäle gäben offen zu, dass sie sich bei der Vorbereitung für die bevorstehende Wiederbesetzung dicht besiedelter Palästinensergebiete von vergangenen Militäroperationen inspirieren lassen, so etwa vom Einsatz der Nazis gegen das Warschauer Ghetto.
Drei Tage später rief der angesehene Siedler-Rabbiner Israel Rosen in der «Haaretz» auf, gegen Selbstmordattentate vorzugehen: «Übernehmen wir wieder die Aufgabe, 'Licht für die Völker' zu sein, diesmal ein finsteres Licht: Die Familien der Selbstmordattentäter zu treffen, durch Vertreibung, Requirierung und sogar Ausmerzung eines Banditendorfs.» Dieser Vorschlag falle ihm zwar nicht leicht, schreibt Rosen, er findet aber: «Aus Rabbiner-Sicht stelle ich fest, dass der vorgeschlagene Weg der jüdischen Moral entspricht. [...] Die andere Alternative heisst Kapitulation und Selbstauslöschung.» Ein anderer Rabbiner, der auch Minister ist, Benny Alon, geht weiter und verlangt die Vertreibung sämtlicher PalästinenserInnen, was eigentlich ein Völkermord bedeutet. Angesicht solcher Haltungen war sogar der berühmte Shoa-Forscher Professor Yehuda Bauer, der bislang jegliche Vergleiche mit den Nazi-Verbrechen vehement ablehnte, in seinem Kommentar in «Haaretz» (10. Februar) nahe daran, dieses Tabu selber zu brechen. Er schrieb: «Das Entsetzliche an diesen [Vertreibungs- und Genozidplänen] ist, dass sie von Juden stammen, deren Vorfahren während Generationen durch identische Ideologien verfolgt wurden.» Was jedoch nicht heissen solle, versuchte er seine Aussage zu entschärfen, dass damit Nazismus und die Shoa gemeint seien. Bauer schliesst seinen Kommentar mit der Bemerkung, dass er und seine Generation 1948 zwar für die Errichtung eines Staates für das jüdische Volk - nicht aber für einen solchen Staat gekämpft hätten.
An einer Friedenskundgebung in Tel-Aviv einen Tag zuvor (am 9. Februar) forderte die Ex-Erziehungministerin Schulamit Aloni: «Der Generalstabschef und die Regierung müssen sich bei Jörg Haider entschuldigen. Er will ['lediglich'] die Ausländer, [unsere] Regierung aber will Einheimische vertreiben. Sie verraten uns, indem sie über Vernichtung, Ausradierung und das Töten reden.» Und sie verglich dann den Inhalt der Aufrufe von Rechts mit dem Nazi-Massaker im tschechischen Dorf Lidice nach dem Attentat an der Nummer zwei der SS, Reinhard Heydrich.
Ein israelischer Nachrichtenoffizier erzählte (s. Neue Luzerner Zeitung vom 8. Februar), wie er im Winter 2001 zusammen mit dem Oberkommando seines Regiments ein neues, von PalästinenserInnen dicht bewohntes Einsatzgebiet nahe Jerusalem studierte und einen Plan zur Kontrolle dieser Gegend entwarf. Erst einige Wochen später wurde ihm mit einem Schlag bewusst, was er und andere israelische Militärangehörige anrichteten: Er hatte mit seinem Tun die Ghettoisierung der palästinensischen Bevölkerung vorbereitet! «Ohne zwangsläufig böse im üblichen Sinn zu sein, ohne eigentlich die Araber zu hassen, erfüllt man seinen Job so professionell wie nur möglich», sagt er. «Man denkt gar nicht über die andere Seite nach. Man will sie weder erniedrigen noch verletzen. So emotionslos wird das geplant, was im sterilen militärischen Sprachgebrauch "Reorganisation ziviler Nachbarschaften" heisst.» Und dann kam diesem jungen Offizier, der die Geschichte der Shoa studiert, dieser schreckliche Vergleich mit dem berühmtesten Schreibtischtäter Adolf Eichmann in den Sinn, der pflichtbewusst, gehorsam und ehrgeizig seine Aufgabe, die Judenvernichtung zu erfüllen versuchte. «Sind wir anders? Waren die Amerikaner in Vietnam anders oder die Ägypter in Jemen und die Franzosen in Algerien?», fragt der angehende Historiker. Seine Emotion ist verständlich, auch wenn der Vergleich mit Eichmann - zum Glück - nicht ganz zutrifft. Noch nicht - ist man versucht zu sagen.
Betrachten wir auf diesem Hintergrund die Karikatur des Brasilianers Latuff, in der ein jüdisches Kind im Warschauer Ghetto sagt: "Ich bin ein Palästinenser," so scheint dieser Tabubruch doch berechtigt und angebracht. Denn in Minimalfall kann dieser als zulässige und notwendige Warnung vor einer bevorstehenden Katastrophe gelten. Angesichts der langen Liste erwiesener und schon begangener israelischer Kriegsverbrechen drängt sich der Vergleich mit dem Warschauer Ghetto als Vorstufe zu einer noch schrecklicheren Entwicklung ja gerade auf, und anständige Menschen dürfen nicht einfach auch diesmal schweigen!
Jewish Power
Es ist offensichtlich schwierig, den direkten und indirekten Einfluss von jüdischen Organisationen und Personen in den Industrieländern sachlich zu messen. Es ist nicht nur eine Frage der fehlenden genauen Messinstrumente, sondern vor allem das Fehlen von mutigen und weitgehend vorurteilsfreien Menschen. Die Judeophoben sowie die Judeophilen teilen die gleiche Befangenheit: Sie sind gleichermassen vom Vorurteil geprägt, dass die jüdischen Menschen die Welt beherrschen und dass diese gleichzeitig die ewigen Opfer sind. Der Mythos der jüdischen Macht ist nicht zuletzt für die Globallösung zwischen den Schweizer Grossbanken und den amerikanischen jüdischen Organisationen verantwortlich. Es war primär nicht die Anerkennung der gerechtfertigten jüdischen Forderung, sondern eine Überschätzung der Macht des World Jewish Congress (WJC) als Verkörperung des imaginären «Weltjudentums», die die Banken zu diesem Abkommen führte. Wegen ihrer antijüdischen Haltung haben die Banken die Ansprüche der Erben der Naziopfer jahrelang missachtet, da sie diese als schwach einstuften.
Nach Artikeln in der internationalen Presse und politischen Auftritten in den USA kippten die Banken in der Folge ins andere Extrem und begannen - ganz nach alter rassistischer Tradition - die «jüdische Macht» zu überschätzen. Sie bauten diese relativ schwache jüdische Organisation, welche seit Jahren verkrampft nach einem Thema gesucht hatte, eigentlich erst so richtig auf. Ohne grosse Zauberei verstand es der WJC, eine effektive Medien- und Lobbyingpolitik zu entwickeln, währenddem die Schweizer Banken nicht einmal die vielen Recherche-Lücken und Ausklammerungen ihre Gegner auszunutzen wussten.
In seinem Buch "Jewish Power" versucht der jüdische Journalist J.J. Goldberg[2], einige Mythen zu demontieren. Beispielsweise das Vorurteil, dass die Juden die Medien kontrollieren: Zwar gibt es sehr viele jüdische JournalistInnen in den USA, aber die meisten von ihnen - so Goldberg - vertreten nicht die Ansichten der jüdischen Organisationen. Der Erfolg der bekannten jüdischen Lobby AIPAC ab 1967 entstand beispielsweise nicht nur durch die Wechselwirkung zwischen der strategischen Bedeutung Israels und einer geschickten Lobbyarbeit. Entscheidend sei, behauptet Goldberg, die durch judeophobe Vorurteile übertriebene Einschätzung der jüdischen Macht.
Wichtig sind in diesem Zusammenhang aber auch, die Aktivitäten von jüdischen Organisationen, wie der Anti-Defamation League (ADL), bekannt auch als "B’nai B’rit", zu erwähnen. Diese Organisation versucht immer wieder Druck - z.B. auf Medienschaffende - auszuüben. Der Erfolg hängt aber sehr stark von der Selbstsicherheit der Betroffenen ab. Die meisten nicht-jüdischen Menschen sind nicht sattelfest in diesem Bereich und vor lauter Angst, als Judeophobe verschrien zu werden, ziehen sie es vor, die Finger von solch scheinbar heiklen Angelegenheiten zu lassen oder geben beim leichtesten Druck schon nach. Einer um seinen Ruf bzw. seine Karriere besorgter Mensch versucht in der Regel gar, das heikle Thema zu meiden, oder als besonders "judenfreundlich" sich zu profilieren. Es braucht aber erstaunlich wenig Selbstsicherheit, um solche Angriffe abzuwehren. So erzählte der Präsident des Schweizer Ablegers der ADL voller Empörung, wie eine ihm gut bekannte Journalistin des Zürcher Tages-Anzeigers seine Reklamationen wegen einer angeblich allzu Israel-feindlichen Berichterstattung cool zurückwies. "Du sollstest Dich eher bei der israelischen Regierung beschweren, die eine derart schlimme Politik betreibt", sagte sie.
Ein solcher Akt des Mutes ist eher die Ausnahme, und die harte Kritik gegen Israel bzw. jüdische Missstände werden lieber einem «Nestbeschmutzer» überlassen, wie es etwa bei der Entlarvung des Schriftstellers Binjamin Wilkomirski der Fall war, der seine Biografie als Shoa-Überlebender erfunden hatte. Der Autor Daniel Ganzfried, der den Fall in der «Weltwoche» enthüllte, scheint als Sohn eines Auschwitz-Überlebenden in den Augen der Öffentlichkeit für diese Demontage-Arbeit besonders legitimiert. Es wird in journalistischen Kreisen wiederholt betont, dass kein Nichtjude es gewagt hätte, die Wilkomirski-Geschichte zu schreiben. Dennoch warf die «SonntagsZeitung» Ganzfried vor, dass es nur der Neid auf den erfolgreicheren Wilkomirski gewesen sei, der ihn zu dieser Recherche motiviert habe.
Die ADL scheut sich in den USA nicht, wie es Gerichtsverhandlungen in San Francisco zeigen, pro-palästinensische und anti-Apartheid-AktivistInnen auszuspionieren, darunter auch jüdische DissidentInnen, um die Kritik gegen Israel einzudämmen (s. San Francisco Chronicle 23. Februar 2002). Die ADL wurde dort beschuldigt, dass sie Informationen über AktivistInnen beidseits des politischen Spektrums sammle und diese an die Polizei und die israelische Regierung übergebe. Die ADL, welche den Prozess verlor, dementierte, dass das Material an Israel weitergeleitet wurde. Der Hauptbeschuldigte, der ehemalige ADL-Chef-Auskundschafter für die Buchte-Region, Ron Bollog, gab zu, dass er die gesammelten Informationen seinerzeit an das ehemalige südafrikanische Apartheid-Regime verkauft hatte.
Auf diesem Hintergrund muss realisiert werden, dass die Latuff-Karikatur "The American Talk Show" sowie der Grenzfall-Text "Palestinian Control of Mass Media" ein echtes Problem ansprechen. Die Latuff-Karikatur soll als ein primär anti-rassistischer Beitrag betrachtet werden, der die Heuchelei in Hollywood anprangert. Denn es darf nicht vergessen werden, dass z.B. währenddem sogar die "New York Times", wie auch andere grosse US-Zeitungen Israel-kritische Berichte manchmal abdrucken, noch kein solcher Beitrag aus Hollywood aufgefallen ist, ganz im Gegenteil.
Dieses Problem darf und muss diskutiert werden. Eine Verhinderung solcher Debatten ist als absolut gefährlich zu betrachten und erzeugt viel mehr Aggressionen und Verschwörungstheorien, als die sachliche Auseinandersetzung mit den konkreten Vorwürfen. Dies zeigen auf eine krasse Art die schlechten Erfahrungen mit den 'Holocaust-Leugnern'. Die Überreaktionen auf diese abstrusen Theorien bescheren ihnen mehr Zulauf, als eine fachliche und ruhige Diskussion dies ermöglichen würde. So kann das "Auschwitz-Leugnen" als eine Art Protest gegen eine vermeintlich wichtige gesellschaftliche und politische Institution angesehen werden: die jüdische Herrschaft. Die nervöse Reaktion gibt den Leugnern dann noch quasi recht, dass sie einen empfindlichen Nerv getroffen haben.
[1] Ernst Braunschweig, Antisemitismus als klassisches Beispiel eines Vorurteils, in Ernst Braunschweig (Hrsg.), Antisemitismus - Umgang mit einer Herausforderung, Festschrift zum 70. Geburtstag von Sigi Feigel, Jordan Verlag, Zürich, 1991 S. 12
[2] J. J. Goldberg, Jewish Power - Inside the American Establishment, Addison-Wesley, Reading, Massachusetts, 1996