Aufbruch zu einer christlichen Kulturrevolution
Impulse gegen den kollektiven Pessimismus
Bild: Lavierte Federzeichnung des spanischen Malers E. Murillo (1617-1682), Hl. Josef mit Kind (Ausschnitt)
Immer mehr aufmerksame Menschen stellen heute eine galoppierende Auflösung unserer Gesellschaft fest. Gemeinsame Werte bröckeln, Familienstrukturen tragen oft nicht mehr, das Wirtschaftsleben ist von Egoismus geprägt, ein verzweifelter Kulturpessimismus macht sich breit. Schon vor über zwanzig Jahren hatte die erfahrene und mehrfach ausgezeichnete deutsche Jugendpsychotherapeutin Christa Meves die aktuelle gesellschaftliche Entsolidarisierung und eine grassierende Bindungsunfähigkeit im Detail vorhergesagt. Einem ihrer zahlreichen Bücher, erschienen 2002, hat sie den obigen Titel gegeben, der dieser Website vorangestellt wurde.
Mit christlichen Werten ins 21. Jahrhundert?
Wird da nicht einem ideologischen Rückschritt das Wort geredet? Deutlicher als noch vor zehn Jahren können aufmerksame Beobachter heute eine nüchterne gesellschaftliche Bilanz ziehen. Die einseitig auf individuelle Selbstverwirklichung setzenden Strömungen der "68er Generation" haben zweifelhafte Früchte hervorgebracht: bindungsunfähige Kinder und Jugendliche, eine zunehmende Familienfeindlichkeit und eine galoppierende Suchtproblematik. Auch der ganz auf Wirtschaftswachstum setzende Neoliberalismus hat als gesellschaftliches Modell kläglich versagt. Die Ideologie der blinden Gewinnmaximierung setzt gesunde, regional verwurzelte Klein- und Mittelbetriebe zunehmend unter Druck und liefert sie schutzlos dem globalisierten Grosskapital aus. Es plündert ganze Volkswirtschaften, produziert Massenelend und zerstört immer schneller unsere natürlichen Lebensressourcen.
Ein ernüchterter und nicht mehr ganz so blinder Fortschrittsglaube ist heute eher bereit, die eigene Geschichte differenzierter zu beurteilen und anzuerkennen, dass es überzeitlich gültige gesellschaftliche Grunddispositionen und Werthaltungen gibt, die für den Aufbau und den Erhalt einer gesunden Gesellschaft unverzichtbar sind: Gemeinsinn statt Egoismus, persönliche Einschränkung zum Wohle des Ganzen, Solidarität unter den Generationen, Respekt der Jugend vor den Leistungen früherer Generationen, um nur einige zu nennen. Das schliesst Kreativität und Lust auf Neues keineswegs aus. Wahre Selbstverwirklichung schliesst immer das Wohlergehen der ganzen Lebensgemeinschaft mit ein. Wir brauchen ein Gesellschaftsmodell, das den Menschen in seiner Ganzheit ernstnimmt, das auf bewährten Erfahrungen weiterbaut und durchaus offen ist für neue Einsichten. Die erlösende Einsicht kann sein, dass wir dieses Modell nicht neu erfinden müssen, es aber weiterentwickeln dürfen. Glücklicherweise gab es auch in früheren Zeiten funktionierendes und erfülltes Gemeinschaftsleben. Solche Modelle können unserer Gesellschaft aber nicht wie eine Zwangsjacke übergestülpt werden. Sie müssen von überschaubaren Gemeinschaften her, wo sie mit Erfolg gelebt werden, in die Zivilisation hineinwachsen und diese Stück für Stück überzeugen und durchdringen, wie es das biblische Gleichnis vom Sauerteig erzählt.
Was der Gottesglaube in einem sozialen Modell zu tun habe, werden sich einige fragen. Sie befürchten eine neue religiöse Intoleranz oder malen gar das Gespenst der Inquisition an die Wand. Es ist offensichtlich, dass die offen atheistischen Gesellschaftsmodelle des 20. Jahrhunderts - als "Sozialismus" und "Kommunismus" deklariert - kläglich gescheitert sind. Noch heute haben Millionen von Menschen unter den Folgen solcher Experimente zu leiden. Aber eine ebenso grosse Gefahr droht unserer Gesellschaft heute von verdeckt atheistischen Gesellschaftsmodellen, die unter der schönen Flagge einer sogenannten "religiösen Neutralität des Staates" segeln. Es soll keineswegs ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher Religionsangehörigen in Frage gestellt werden. Aber eine absolut gesetzte "Staatsneutralität" führt nur zu leicht zu einem religionslosen und schliesslich einem religionsfeindlichen Staat, und eine "wertfreie" Gesellschaft ist immer auch eine "wertlose", wie die erschreckende Zunahme von Vandalismus aus purer Langeweile zeigt.
Beten hilft offenbar heilen
Der Ausspruch "Da hilft nur noch beten" will oft eher die Aussichtslosigkeit als eine Hoffnung auf Rettung ausdrücken. Wer angesichts von Katastrophen zu mehr Gebet aufruft, kann das nur in erzkatholischen oder radikal-evangelischen Zeitschriften tun. Zeitungen, die im Printmedienspektrum anerkannt bleiben wollen, enthalten sich tunlichst solchen Tenors, weil sie sonst in die Ecke der Spinner und Sektierer eingeordnet und ausgebootet würden. Für Christen ist das allerdings nichts grundsätzlich Neues: Schon Lukas 12,32 weiss, dass Gott nie auf den gesellschaftlichen Mainstream angewiesen ist sondern bisweilen auf eine "kleine Herde" setzt. Mehrheiten schliessen sich oft unbequemen Einsichten erst an, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.
Allerdings gibt es in jüngster Zeit einige Einbrüche in diese gängige Einschätzung. So ist - laut Christa Meves - in einer amerikanischen Studie der Versuch gemacht worden, die Wirksamkeit des Gebets zu beweisen. Man verglich in einem Krankenhaus die Heilungsquoten auf zwei Abteilungen der inneren Medizin miteinander. Auf der einen Station wurde von frommen Schwestern für die einzelnen Patienten gezielt gebetet, auf der anderen nicht. Die Heilungsquote erwies sich auf der ersteren als wesentlich höher. Berichte ähnlicher Art häufen sich. Kliniken auf christlicher Basis mit einem gläubigen Personalbestand haben eine grössere Erfolgsquote, muss zähneknirschend die eher atheistische Zeitung "Psychologie heute" zugeben.
Es gibt viele Berichte dieser Art, abgesehen von Heilungen wie z.B. in Lourdes und Fatima, die nach strenger Prüfung als unerklärlich anerkannt wurden. Auch wenn Kritiker den Kopf schütteln und dies alles unter Autosuggestion einzuordnen suchen, zu denken gibt allein die Menge solcher Dokumentationen schon. Wie auch immer: Der Mensch von heute muss mit sich selbst und seiner Orientierung wieder klarkommen, soll die Gesellschaft eine Chance zur Gesundung bekommen. Wenn wir heute damit beginnen, dürfen wir in ein bis zwei Generationen die Früchte ernten.
Weg von den perfektionierten selbstgemachten Paradiesen!
Immer stärker zeigt sich, dass ein Lebensstil, der auf unbegrenzte Selbstverwirklichung hinzielt, von anderen Mitmenschen bezahlt werden muss. Die Ressourcen sind ungleich verteilt. Auch schon fast panische kollektive Selbstverwirklichung der Stärksten ist keine Lösung; sie entzieht den Schwächsten der Gesellschaft auch noch den Rest ihrer physischen und psychischen Lebensgrundlage. Wir müssen erkennen, dass, wie Mutter Teresa es einmal ausgedrückt hat, "gemeinsam getragenes Leid Freude" ist. Die Motivation des "Engels von Kalkutta" war, den Ärmsten der Armen zu dienen, weil sie in ihnen den leidenden Christus sah. Und gab es einen Menschen mit einer positiveren Ausstrahlung als gerade diese unscheinbare Nonne? Solche Arbeit bei Siechenden und Sterbenden kann gewiss nicht jeder leisten. Aber sensibilisiert werden für unsichtbares Siechtum um uns herum sollten wir schon. Das Erste und Entscheidende wäre, überhaupt zu registrieren, wie viele versteckte Nöte es in unserem Umfeld gibt, ohne gleich selbst in Depression zu verfallen. Aber wir können, dürfen und sollen wenigstens punktuell Anteil nehmen und begleiten. Dafür braucht es kein Studium der Psychologie, dafür reicht ein offenes Herz. Kinder können das oft am besten. Man vergesse nicht: Die Titanic wurde von Profis gebaut, die Arche Noah von einem Laien.
Das Buch von Christa Meves ist ein Lichtblick. Es legt nicht nur aus der Perspektive der erfahrenen Psychotherapeutin und Mutter kranke und verletzte Stellen unserer Gesellschaft frei, sondern zeigt auch konkrete Wege zu ihrer Heilung auf, und es macht Christen Mut.
Buchempfehlung
Christa Meves: "Aufbruch zu einer christlichen Kulturrevolution. Auf die Christen kommt es an"; erschienen 2002 im Christiana-Verlag Stein am Rhein, ISBN 2-7171-1101-9
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