Neue Dogmen für eine neue Gesellschaft!
Kaum haben sich modebewusste ZeitgenossInnen vom traditionellen Dogma verabschiedet, ist es schon Teil der Marktwirtschaft geworden!
Keine Gesellschaft hat sich je derart dogmenfrei zu denken geglaubt wie die
mitteleuropäische von heute. Um so erstaunlicher daher die Erfahrung, wie heftig
der Aufschrei erfolgt, oder wie betreten sich plötzlich Schweigen ausbreitet, wenn
einer an den
griffigen Glaubenssätzen der Mainstream zu rütteln wagt. Die in die
Jahrhunderte gekommenen Dogmen der Kirche wurden mit manchem Seufzer der
Erleichterung klammheimlich schubladisiert, doch sind an ihre Stelle rasch
unzählige neue getreten. Sie werden von den selbsternannten Päpsten des
Fortschritts und ihren Trabanten weit heftiger verteidigt als jene
Originaldogmen der Kirche vom Statthalter Christi und den Seinen. Immerhin, von
den alten Dogmen konnte man wenigstens noch nachlesen, worauf sie sich gründen
und beziehen. Heutige Dogmen brauchen solch mühsame Erschliessung nicht: Sie
erklären sich selbst, sie liegen am Puls der Zeit, jeder glaubt sie, solange
jeder an sie glaubt. Und vielleicht ist morgen auch alles ganz anders, wen
kümmert's?
Hier in zwangloser Folge einige dieser neuen Axiome des Common-Sense, aufgeschnappt bei der aufmerksamen Durchquerung der Gegenwart. Sollte sich über den einen oder anderen Glaubenssatz eine Verärgerung einstellen, ein Disput ergeben oder gar eine postmoderne Entdogmatisierung einsetzen, haben die Glaubenssätze ihren Zweck gewiss erfüllt. Die weitere Dogmenentwicklung hier wird nicht ausgeschlossen!
Das Dogma "Es gibt nur eine Wahrheit - die, dass es keine Wahrheit gibt" wird heute auf dem Kontinent "inquisitorisch" durchgesetzt. (Rocco Buttiglione in München, im Dezember 2004)
Durch die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen werden diese billiger und effizienter. (Dogma des Globalisierungsglaubens)
Eine möglichst frühe Einschulung verbessert generell die Startchancen ins Leben. (Dogma von Pädagogen, die Eltern gegenüber ein strukturelles Misstrauen pflegen )
Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. (Dogma des noch nicht aufgehaltenen Fortschrittsglaubens)
Die Erfahrungen früherer Generationen helfen uns bei der Lösung aktueller Probleme kaum, weil heute alles anders ist. (Diese irrige Ansicht ist schon ziemlich in die Jahre gekommen.)
Abtreibungen sind zwar unschön, lassen sich aber nicht verhindern. (Dogma jener Politiker, die sich ihre nächste Wahl nicht vermasseln möchten)
Die Emanzipation hat die Frauen generell glücklicher gemacht. (Dogma feministischer MissionarInnen)
Es spielt keine Rolle, woran einer glaubt; Hauptsache, er glaubt an etwas. (Dogma all jener, die an nichts glauben)
Über Religion spricht man nicht; Religion ist Privatsache. (Dogma all jener, denen Religion auch privat nichts sagt)
Vorurteile sind immer unbegründet. (Kein Dogma, sondern schlicht ein Vorurteil)
Was früher "Gott" genannt wurde, das erklärt die
Wissenschaft heute schlüssig durch die Evolutionstheorie. Heutige
ernstzunehmende Wissenschaftler sind im Wesentlichen areligiös. (Dogma von
Wissenschaftsgläubigen, denen Zitate von Nobelpreisträgern zum Nachdenken
empfohlen seien; zu finden unter
http://www.weloennig.de/Nobelpreistraeger1a.html
)
Holland ist ein vorbildliches Land. (Dogma in die Jahre gekommener Abtreibungs- und Multikulturfanatiker)
Der zölibatäre Priester ist eine aussterbende Gattung und eigentlich ein Anachronismus. (Dogma aller Mittelmässigen)
Die Schweiz muss sich früher oder später der EU anschliessen, ob man nun ein Euroturbo ist oder nicht. (Dogma all jener Schweizer Politiker, die vorgeben, nicht der EU beitreten zu wollen)
Der französischen Revolution verdankt die Menschheit
die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. (Superdogma aller
Humanisten, welche kaum etwas über den damaligen Aufstand der Vendée wissen.
Buchtipp: Michael Davies: Für Thron und Altar. Der Aufstand in der Vendée
(1793-1796); Rezension unter
http://www.geocities.com/capitolhill/1404/vendee.html )
Der Papst ist schuld an der Verbreitung von Aids, weil er gegen Kondome ist. (Dogma der Homo-Lobby, die nicht wahrhaben will, dass mehr als ein Viertel aller Aids-Patienten der Welt in katholischen Einrichtungen gepflegt werden)
Man muss ökologisch orientierte, linke Biologielehrerin sein, um unangefochten für Enthaltsamkeit vor der Ehe werben zu dürfen. (Kein Dogma, eine Erfahrung)
Der Fortschritt der Technik wird die Probleme der Menschheit lösen. (Dogma der Technikgläubigen, welche z.B. menschliche Embryonen zu Forschungszwecken zerstören)
Heute sind die Menschen doch ein Stück weiter und gescheiter als damals im finsteren Mittelalter. (Weiter schon, aber wer ist heute noch gescheit genug, etwa Thomas von Aquin zu lesen.)
Die moderne Frau soll die Freiheit haben, eine Schwangerschaft unter Umständen abzubrechen. (Wer von diesen Wahlfreiheits-Apostelinnen würde sich für das Recht chinesischer Frauen einsetzen, empfangene Kinder auszutragen? Ein Recht, welches durch die staatliche Zwangsabtreibungspolitik verletzt wird, der vor allem weibliche Ungeborene zum Opfer fallen.)
Eine Veranlagung zur Homosexualität ist angeboren und lässt sich nicht verändern. (wissenschaftlich überholtes, aber um so tiefer verwurzeltes Dogma im Dienste der Homo-Missionierung)
Letztlich ist alles eine Frage der Ökonomie. (Dogma all jener, welcher die Heilsökonomie der Kirche nicht kennen)
Der Buddhismus ist eine friedliche Religion. (...womit man sich nicht auseinandersetzt, damit hat man seinen Frieden.)
Die Wertfreiheit der Wissenschaft ist grundsätzlich positiv zu beurteilen. (Das einzige Dogma der Wertfreien=Wertlosen)
Stalin hat die guten Ideen Lenins pervertiert. (Dogma von Revolutionsgläubigen, unter Jugendlichen und Dauerpubertierenden dauerverbreitet)
Es gibt kaum etwas, das heute mehr Mut braucht als ein Coming-out als Homosexuelle/r. (Wer versucht, sich als römisch-katholischer Christ zu outen, der den Glauben der Kirche - Dogma genannt - ernst nimmt, weiss, was heute mindestens ebensoviel Mut braucht.)
Letztlich wollen alle das Gute. (Dogma aller Gutmenschen vor der ersten grossen Enttäuschung, wobei man die Hoffnung auf einen guten Kern im Pervertierten nicht unbedingt aufgeben soll )
Wahrheit ist eine rein subjektive Sache. (Diese Aussage ist mindestens subjektiv und obwohl weit verbreitet, zweifelhaft.)
Dogmen sind grundsätzlich abzulehnen. (Das Dogma des Dogmen-Entfremdeten)
Zu guter Letzt eine "dogmatische Klarstellung". Lassen wir dabei Gilbert Keith Chesterton die schwierige Sache mit dem Dogma wieder ins Lot bringen. Es könnte kein Berufener gefunden werden als der englische Altmeister des treffenden Aphorismus:
"Gerade die Glaubensbekenntnisse und Dogmen haben die Gesundheit der Welt gerettet. Diese Leute wollen uns meist eine Alternativreligion des Gefühls und der Eingebung einreden. Wenn es in den wirklich dunklen Zeiten eine Gefühlsreligion gegeben hätte, so wäre es eine Religion dunkler und selbstmörderischer Gefühle gewesen. Und eben das strenge Glaubensbekenntnis hat dem Ansturm der selbstmörderischen Gefühle widerstanden. Die Kritiker der Aszese haben wahrscheinlich recht mit der Behauptung, dass so mancher europäische Einsiedler ebenso fühle wie ein asiatischer Fakir. Aber denken konnte er nicht wie ein solcher, denn er war ein rechtgläubiger Katholik. Und das, was seine Gedanken mit gesünderen und menschlicheren Gedanken in Berührung hielt, war einzig und allein das Dogma. Er konnte nicht leugnen, dass ein gütiger Gott die gewöhnliche natürliche Welt erschaffen hatte. Er konnte nicht behaupten, dass sie ein Werk des Teufels sei, denn er war kein Manichäer [= Angehöriger einer bestimmten leibfeindlichen Sekte in frühchristlicher Zeit]."
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Letzte Aktualisierung: 10.01.2006