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John Elmer:
Gerade komme ich aus der Mukata, Arafats Gebäudekomplex in Ramallah. Ich habe
mit den Menschen auf der Straße gesprochen - sie kamen, um ihre Solidarität
mit ihrem belagerten Führer zu bekunden -, und alle waren sich sicher, die
Ermordung Arafats wäre eine Katastrophe. Ein Mann sagte mir: “Dann gibt es ein
Erdbeben - nicht nur in Israel sondern überall in der arabischen Welt”. Die
Drohung, Arafat zu ermorden - ist das nur israelisches Getöse oder eine reale
Möglichkeit?
Gideon Levy:
Leider durchaus eine Möglichkeit - selbst wenn es nur irrtümlich geschieht:
Sie kommen, wollen ihn rauswerfen (und er wehrt sich). Aber ich denke, die
Folgen sind gar nicht so das Hauptthema. In erster Linie bin ich der Meinung,
ein demokratischer Rechtsstaat ermordet keine Leute. Eine abscheuliche
Diskussion in meinen Augen. Er ist der gewählte Führer des palästinensischen
Volks, und ich weiß nicht, ob Scharon weniger Blut an seinen Händen hat als
Arafat. Die Idee an sich - politische Führer zu ermorden -, das macht mich
wirklich krank.
Elmer:
Aber anscheinend diskutiert man darüber überall in der israelischen
Gesellschaft. In einem ihrer jüngsten Artikel zitieren Sie eine Umfrage der
größten israelischen Tageszeitung, Yediot Ahronoth, aus der hervorgeht, dass
eine Mehrheit der Israelis der Meinung ist, man solle Arafat töten. Dabei
glaubt eine Mehrheit gleichzeitig nicht daran, dass dies den Terror stoppen
könnte; vielleicht würde es ihn sogar verschlimmern. Was sagen Ihnen diese
Zahlen?
Levy:
Die Leute sind durch die Medien einer Gehirnwäsche unterzogen. Immer und immer
wieder wird ihnen gesagt, Arafat ist der einzig Schuldige. Neulich war ein
Cartoon in der Ha’aretz. Eine Familie steckt mit ihrem Auto fest; aus dem
Motor kommt Rauch. Sie sitzen auf der Straße, und der Vater sagt: “Oh,
vielleicht sollten wir ein Attentat auf Arafat machen!” Genau darum geht es:
Anstatt sich den wirklichen Gründen für den Terror (zuzuwenden), finden
Regierung und Medien alle möglichen anderen Ventile - eines davon ist Arafat.
Aber wenn die Leute einer solchen Gehirnwäsche unterzogen sind und denken, er
sei das einzige Hindernis für den Frieden, dann ist doch sonnenklar, dass sie
auch dafür sind, dieses Hindernis zu beseitigen.
Elmer:
Dieses Gerede, einen gewählten Führer zu liquidieren und dazu noch die brutale
Okkupation - ist das nicht eigentlich unvereinbar mit der “einzigen Demokratie
in Nahost”?
Levy:
Absolut. Vor einigen Monaten habe ich einen Artikel verfasst mit dem Titel:
‘Half a democracy’ (eine halbe Demokratie). Darin behaupte ich, ebensowenig,
wie man nur ein bisschen schwanger sein kann - entweder, du bist schwanger
oder du bist es nicht -, kann man halb demokratisch sein. Man kann nicht
einfach eine Linie ziehen und sagen, auf einem bestimmten umgrenzten Gebiet
sind wir eine Demokratie, und auf der anderen Seite der Linie sind wir
undemokratisch. Oder: Ich bin nur demokratisch gegenüber einem Volk, und dem
anderen gegenüber, es lebt auf demselben Land, bin ich es nicht. Heute ist es
ein Mythos (dass Israel eine Demokratie ist). Ja, Israel ist eine Demokratie,
- eine wirkliche, liberale Volldemokratie - aber eben nur für die jüdischen
Bürger und nur innerhalb der Grenzen des alten Israel, innerhalb der Grenzen
von 1967. Das übrige (Israel) - auf der anderen Seite der Linie - könnte gar
nicht weiter entfernt sein von Demokratie. Dort besteht eines der brutalsten
und grausamsten Regime in der heutigen Welt.
Elmer:
Sie haben geschrieben: “Es gibt keinen Israeli, der nicht wüsste, dass die
letzten drei Jahre die grausamsten waren, die die palästinensische Nation je
sah. Und dennoch - erstaunlicher- und traurigerweise - ist der Rabin-Platz,
der nationale Protestplatz, verwaist. Es ist nahezu unmöglich zu begreifen,
dass seit mehr als einem Jahr keine Massendemonstrationen gegen die Besatzung
stattfanden, inmitten dieser ungeheuerlichen Realität... Apathie ist ein böses
Omen” (‘The empty square’ (der leere Platz), Ha’aretz vom 7. Sept. 2003). Gibt
es überhaupt eine Chance, dass die Okkupation endet, ohne dass sich an dieser
Tatsache etwas ändert? Hängt alles letztendlich von den israelischen Bürgern
ab?
Levy:
Vielleicht hängt es an den Israelis - vielleicht aber auch an der
amerikanischen Regierung. Ich wünschte, wir sähen eine amerikanische
Administration, die Israel dazu zwingt, die Okkupation zu beenden - eine
Administration, die Israel vor sich selbst retten würde. Aber weder die
Israelis noch die Amerikaner tun ja wirklich etwas. Und - leider - ist für die
nächsten Jahre kein Fortschritt zu erwarten. Eine andere Variante, wie die
Okkupation enden könnte - die schlechteste - wenn genug Blut fließt.
Vielleicht wird das schließlich der Weg sein.
Elmer:
Glauben Sie, das könnte wirklich geschehen? Glauben Sie, die Terrorattacken
führen in Israel zu einem Erdbeben, das Israel zum Frieden bewegt?
Levy:
Genau so ist es damals im Libanon passiert. Wären nicht so viele israelische
Soldaten gefallen, wir wären ewig dort geblieben. Aber als das Maß voll war,
war das Maß voll. Aber in dem Fall hier (wird) viel mehr Blut (nötig sein), um
die Besatzung zu enden.
Elmer:
Sie haben eine Kollegin, Amira Hass, sie ist die einzige jüdische Reporterin,
die in den Besetzten Gebieten lebt. Und Sie selbst sind einer der wenigen -
wenn nicht gar der einzige - israelische Reporter, der regelmäßig in die
Gebiete geht, um für seine Geschichten zu recherchieren. Sie sagten einmal,
“die Tatsache, dass die allermeisten Medien ignorieren, was passiert, enthebt
die Bürger Israels nicht ihrer Verantwortung”. Aber welche Bedeutung hat
dieses verhängte Schweigen für die öffentliche Meinung in Israel tatsächlich?
Levy:
Eine entscheidende. Das primäre Problem ist der Mangel an Information. Die
Israelis wissen Bescheid, sie haben eine Vorstellung, aber sie wissen nicht
alles. Gut informiert sind sie nicht. Die Information, die sie erreicht - für
gewöhnlich ist sie entstellt und einseitig. Nehmen wir Mythen wie: “Es gibt
keinen Partner für den Frieden” - es ist ein von Ehud Barak verbreiteter
Mythos. Solange die Leute das glauben, sind die politischen Konsequenzen
kritisch. Denn, haben wir keinen echten Partner - wie Barak behauptet hat, und
die meisten Israelis nehmen es ihm ab -, dann sollten wir (in den Besetzten
Gebieten) bleiben, und wir können dort so grausam sein wie möglich. Das
Problem fängt beim Informationsfluss an - er ist lückenhaft, verzerrt und
sehr, sehr destruktiv.
Elmer:
Wie wird innerhalb Israels auf Ihre Arbeit reagiert?
Levy:
Das hat sich in den Jahren etwas geändert. Einerseits wurde nie behauptet,
meine ‘Tatsachen’ entsprächen nicht den Tatsachen. Man hat mir nie
vorgeworfen, ich erzählte Lügengeschichten. Aber da Israel inzwischen so
apathisch ist, interessiert es die Leute nicht mehr - und das ist das
Allerschlimmste. Letzten Freitag () habe ich eine Geschichte veröffentlicht,
in der es um eine Schwangere ging, die in einem Checkpoint niedergekommen ist.
Und (am 18. September) werde ich erneut eine Geschichte über eine Schwangere
bringen, die in einem Checkpoint gebar. Die Erste hat ihr Kind verloren, die
Zweite glücklicherweise nicht. Noch vor wenigen Jahren hätten solche
Geschichten zu irgendwelchen Reaktionen geführt. Heute - nichts. Es
interessiert die Leute schlichtweg nicht.
Elmer:
Laut neuesten Zahlen wurden in der Intifada mehr als 10 000 Kinder verletzt
(laut Palestine Monitor). Der erfahrene Kriegskorrespondent Chris Hedges
beschreibt in seinem Buch ‘Gaza Diaries’, wie israelische Soldaten in Khan
Yunis Kinder zunächst provozierten und dann erschossen: “Auch in anderen
Konflikten, aus denen ich berichtete, wurden Kinder erschossen - in El
Salvador und Guatemala wurden sie von Todesschwadronen niedergemäht, in
Algerien wurden Frauen mit ihren Kleinkindern in einer Reihe aufgestellt und
massakriert, und in Sarajevo nahmen serbische Heckenschützen Kinder ins Visier
und beobachteten, wie sie auf dem Straßenpflaster krepierten - aber noch nie
zuvor hatte ich gesehen, wie Soldaten Kinder wie Mäuse in die Falle lockten
und sie dann zum Spaß ermordeten” (‘Gaza Diaries’, erschienen bei Harpers,
Okt. 2001). Können Sie das kommentieren - aus Ihrer Erfahrung als Reporter in
diesem Konflikt?
Levy:
Leider kommt es der Wahrheit ziemlich nah. Die meisten israelischen Soldaten
behandeln Palästinenser ja nicht wie menschliche Wesen. Für sie ist es der
Feind - alle. Sie behandeln sie wie Tiere. Und wenn man sie wie Tiere
behandelt, dann gibt es keinen Unterschied... keinen Unterschied zwischen
einem Kind und einem Erwachsenen. Man unterscheidet ja auch nicht zwischen
einer alten Kuh und einer jungen Kuh. Alle behandelt man gleich. Hat man
erstmal seine Menschlichkeit verloren, die Haltung, sie als menschliche Wesen
zu behandeln, dann kennt man keinen Unterschied mehr zwischen Kindern und
Erwachsenen. Hier stehen wir also. Ich erlebe diese Dinge Woche für Woche,
immer und immer wieder. Es ist unvermeidlich. Solange die Okkupatio
weitergeht, solange sind diese Dinge unvermeidlich.
Elmer:
Das israelische Militär hat Journalisten verprügelt, verhaftet, eingesperrt,
es hat dutzende Journalisten niedergeschossen und 5 von ihnen getötet - seit
Beginn der Intifada. Alle waren klar als Journalisten zu identifizieren. James
Miller etwa. Auf AP-Filmmaterial sieht man, wie er eine weiße Fahne trägt. Er
brüllt, er sei britischer Journalist, als ihn israelische Truppen in Gaza
point-blank erschießen. Rafaelle Ciriello wurde während ‘Operation
Schutzschild’ getötet. Das ‘International Press Institute’ bezeichnete (die
Tat) als “Teil einer konzertierten Strategie der israelischen Armee, um die
Berichterstattung über die jüngste Woge bewaffneter Feindseligkeiten in der
Region zu kontrollieren”. Ermorden die Israelis Journalisten?
Levy:
Nein, ich denke, die israelischen Soldaten sind einfach schießwütig. Sie legen
nicht gezielt (auf) Journalisten an. Sie töten einfach alles, was sich bewegt
- mag es ein Journalist sein oder ein Mitglied der Internationalen
Solidaritätsbewegung oder irgendein Palästinenser.
Elmer:
Kürzlich schrieben Sie: “Existiert irgend jemand, der uns zwingt, unseren
wahnwitzigen Galopp den Blutpfad hinunter zu stoppen?” Jetzt, zum Schluss:
Können Sie diese Frage beantworten?
Levy:
Diese Person ist nicht in Sicht. Im Moment sehe ich niemanden, der eine
dramatische Wende in der öffentlichen Meinung bewirken könnte.
Elmer:
Also werden sich die Dinge weiter verschlimmern? Und kein Ende in Sicht?
Levy:
Exakt.
Gideon Levy ist Journalist der israelischen Tageszeitung Ha’aretz
Jon Elmer ist Redakteur von FromOccupiedPalestine.org; derzeit berichtet er
aus Israel-Palästina.
--
Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "No
End in Sight"
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