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Begegnung mit P. Yousif Thomas Mirkis, Chefredaktor der irakischen Zeitschrift «La pensée chrétienne»
Weshalb sich der Westen mit dem Irak versöhnen sollte
Der Westen sollte alles Interesse daran haben, sich mit dem Irak zu versöhnen, denn das irakische Volk gilt als Wall gegen den Islamismus. Der irakische Dominikanerpater Yousif Thomas Mirkis spart nicht mit sarkastischen Worten. Es wäre ein neues Verbrechen, wenn Präsident Bush im Gefolge seines antiterroristischen Kreuzzuges erneut gegen den ausgemergelten Irak losziehen würde: «In zwölf Jahren Embargo sind Hunderttausende von Kindern gestorben, vollkommen vergessen von den westlichen Ländern.»

Das Porträt des Staatschefs ist nicht nur in der Hauptstadt Bagdad allgegenwärtig.
P. Yousif Thomas, Chefredaktor der Zeitschrift «AI Fikr AI Masibi» (Der christliche Gedanke ), hat in Fribourg am jüngsten Weltkongress der Internationalen katholischen Presse (UCIP) teilgenommen. Er nahm 1000 Kilometer Weg durch die Wüste unter die Füsse und erreichte auf nicht ungefährlichen Wegen die jordanische Hauptstadt Amman, die er elf Jahre nicht mehr gesehen hatte. Seitdem ein anderer Priester, P. Jean-Marie Benjamin, das von den Amerikanern verhängte Embargo durchbrochen hat, wagen syrische und jordanische Luftfahrtgesellschaften eine Wiederaufnahme einiger Flüge seit drei Monaten.
Kipa: Poltische Kreise in Washington möchten von der Konzentration amerikanischer Truppen am Golfprofitieren mit dem Ziel, Afghanistan anzugreifen, um ein für allemal mit Saddam Hussein abzurechnen.
Père Yousif Thomas: Das könnte sich tragisch auswirken. Der Irak hat eine aus Laien gebildete Regierung, und solche Regierungen sollte man im Westen unterstützen. Wenn der Islamismus in Ländern wie dem unsrigen Oberwasser bekommt, ist das sehr gefährlich, für uns wie für den Westen. Nehmen wir an, im März 1991 hätte der schiitische Aufstand im Süden des Landes Bagdad erreicht, so wäre es vermutlich zur Ausrufung einer Islamischen Republik im Irak gekommen. Das wäre eine grosse Gefahr für die ganze Welt gewesen.
Kipa: Weshalb eine grosse Gefahr?
P. Thomas: Ich bin der festen Überzeugung, dass der Westen eher alles Interesse haben sollte, sich mit dem Irak zu versöhnen, denn die Iraker sind nicht nur gemässigte Leute, sondern auch gebildete und ausgebildete. Vergessen wir nicht, dass sie über den höchsten Alphabetisierungsgrad in der Region verfügen und über die meisten Universitäten. 1970 wurde ein Niveau der Entwicklung erreicht, wie es nie zuvor bestanden hat. Der Angriff auf den Irak erfolgte just in dem Zeitpunkt, in dem er sich anschickte, das Stadium als Dritt-WeIt-Land zu verlassen. Dieser Krieg hat uns um 100 Jahre zurückgeworfen. Er war ein Verbrechen!
Kipa: Leidet der Irak Hunger?
P. Thomas: Die Unterernährung ist unübersehbar. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Eines Tages begab ich mich im weissen Habit der Dominikaner auf die Strasse. Eine schwarz gekleidete Frau näherte sich mir. Sie war Muslimin. Sie fragte ehrlich, ob ich eine Familie wüsste, die ihre Tochter adoptieren könnte: «Sie ist krank, und ich kann sie nicht richtig ernähren, noch weniger pflegen. Wenn Sie eine Familie finden, hat die Tochter wenigstens zu essen, mir fehlen die Mittel, und ich finde keinen Ausweg, denn mein Mann ist tot. Solche Beispiele gibt es noch viele.
Kipa: Was tut die Kirche?
P. Thomas: Die Kirche hilft über die Caritas, ohne Unterschied der Religion. Aber das ist ein Tropfen auf den heissen Stein, denn hier leidet ein ganzes Volk, 22 Millionen! Persönlich kümmere ich mich um ungefähr 100 Familien. 400’000 andere Familien leben in äusserster Armut. Das Abkommen der Vereinten Nationen «Lebensmittel für Erdöl» reicht längst nicht und scheitert immer wieder an den Hürden der UN-Bürokratie. So kommen keine Vereinbarungen zustande. Die Medikamente fehlen, die Leute sterben wie die Fliegen (die Säuglingssterblichkeit ist pro 1000 Geburten von 80 auf 160, die Kindersterblichkeit von 40 auf 198 gestiegen. Red.). Dabei würden billige Heilmittel helfen, wenn sie erhältlich wären.
Kipa: Das Embargo hat also schwerwiegende Auswirkungen ?
P. Thomas: Das Embargo trifft die Iraker auf härteste Weise. Viele Menschen sehen überhaupt keine Hoffnung mehr. Sie haben immer Kuba vor Augen, das dem Hass Amerikas bereits seit über 40 Jahren ausgesetzt ist. Wir stehen im zwölften Jahr ...Alles fragt sich, wie lange das noch dauern soll, und ob eine Möglichkeit besteht, aus der Sackgasse herauszukommen. Massnahmen wie das Embargo sind reiner Völkermord. Wenn ein politisches Problem besteht, warum sollen dann so viele sozial schwache Leute, Alte, Kranke, Kinder sterben? Das verstehen wir nicht.
Kipa: Haben Sie noch Hoffnung, dass der Kreuzgang des irakischen Volkes einmal endet?
P. Thomas: Hoffnung auf wen? Auf Gott ja, aber Hoffnung auf die Menschen nein. Sie sind sich gegenseitig zu sehr Feind, und wenn ihre Interessen auf dem Spiel stehen, sind sie ohne Erbarmen. Leider liegen unter unserer irakischen Erde die grössten Ölreserven der Welt, nur das interessiert die Vereinigten Staaten.
Kipa: Weshalb unterstützt Amerika Saudi-Arabien? Dieses Land ist alles andere als ein demokratisches Modell, es exportiert den wahabitischen Integrismus in mehrere Kontinente.
P. Thomas: Fragen Sie zuerst, welche Kriterien Amerika anwendet, um das eine Land als diktatorisch zu bezeichnen und das andere nicht. Was die Menschenrechte betrifft, so ist der Westen nicht doppel-, sondern drei- und vierzüngig. Selbst ein Kind kann bei uns die durch die Medien kolportierten Lügen entlarven, so dick sind sie.
Kipa: Wie wurden die gegen Amerika gerichteten Selbstmordattentate bei Ihnen empfunden?
P. Thomas: Man sagt, dass alle Länder diese Attentate verurteilt hätten, ausgenommen der Irak. Das irakische Volk ist ebenfalls Opfer einer Art Terrorismus, vom Westen heimlich unterstützt. Vielleicht will der Irak damit die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die 1,2 Millionen toten Kinder ziehen, Resultat des zwölfjährigen Embargos. Die Zahlen stammen von der Organisation «Medecins sans frontières» sowie von der UNICEF. Kein westliches Land hat diese Form des staatlichen Terrorismus verurteilt.
Kipa: Der Selbstmord hat eine eigene Sprache.
P. Thomas: Ich glaube, dass die Urheber des spektakulären wie mörderischen Attentats, das so viele Unschuldige in den Tod riss, damit etwas sagen wollten, nämlich ein Nein zum Westen, der gegenüber den Leiden des Südens so unempfindlich ist. In den meisten Gesellschaften des Westens herrscht der Komfort, dennoch ist die Frequenz der Selbstmorde junger Menschen nicht zu übersehen. Diese Menschen, die sich den Tod geben, vermitteln auch eine Botschaft.
Kipa: Was hat uns Manhattan noch zu sagen?
P. Thomas: Was in Manhattan geschah, stellt auch eine Form des Selbstmordes vis-a-vis der Zivilisation dar, die auf unserem Planeten die Menschen verstösst. Es ist wie ein Schrei der Ohnmacht, als wollte man begreiflich machen: «Ich habe nichts zu sagen, also sage ich es auf diese Weise.» Der Schrei hat Wurzeln, auf die man stossen sollte. Im Buch «Le regard mutile» des iranischen Autors Darius Shayegan ist von der kulturellen Schizophrenie der traditionellen Länder gegenüber der Moderne die Rede. Dieser Spezialist erklärt, das alle grossen Zivilisationen am Zug des Okzidents angehängt und der Okzident nicht weiss, wohin er fährt. Ein Zug auf Geisterfahrt.
Kipa: Warum setzen die Amerikaner und Briten die Bombardierung Iraks fort?
P. Thomas: Ich verstehe den Sinn dieser Luftschläge nicht. Sie kommen mir vor wie ein Laterne, die man nicht löschen will. Man schlägt nicht gewaltig zu, dafür jeden Tag. Oft sind die Opfer arme Menschen, Beduinen. Sie werden zufällig getötet, denn es gibt weder intelligente Bomben noch saubere Kriege.
Kipa: Reden Sie aus Erfahrung?
P. Thomas: Ich habe während 40 Tagen diese Bombardierungen im Bagdader Quartier von Karrada miterlebt. Eine Flut von Feuer und Tod. Nur eine von zehn Raketen trifft ihr Ziel. Die neun übrigen verwüsten dann halt Häuser, Strassen, Tankstellen, Kläranlagen. Vom «sauberen» Krieg haben die Fernsehanstalten gesprochen. Selten wurde die Welt schrecklicher belogen. Der Chef der irakischen Diplomatie, Vizepremierminister Tarek Aziz, hat versichert, dass der Irak Bin Laden nicht kennt, nie mit ihm oder seinem Netz «El-Qaida» Kontakt gehabt hat, auch nicht mit der Taliban-Regierung. Aber mit Washington ist man nie sicher. Leute wie der republikanische Senator Jesse Helms und Konsorten vom konservativsten Flügel des Kongresses machen Druck auf Präsident Bush, um von der Gelegenheit der antiterroristischen Welle zu profitieren und Saddam Hussein in die Wüste zu schicken.
Kipa: Sie sind Geistlicher und Journalist.
P. Thomas: Als Chefredaktor leite ich die ökumenische Monatszeitschrift «Al Fikr Al Masihi» (Der christliche Gedanke), in Bagdad von den Dominikanern herausgegeben. Ich lebe im Ordenskloster der Hauptstadt. «Der christliche Gedanke» ist die einzige im Irak bestehende christliche Zeitschrift. Zum Verteilungsgebiet zählt das ganze Land, die Auflage beträgt 5000 Exemplare. Die Zeitschrift ist auch auf dem Internet unter www.alfikr-almasihi.com zu finden. Jeder 7. Leser ist ein Muslim, darauf nehmen wir besonders Rücksicht. Wir haben noch nie den Zorn der Zensur gespürt, und noch nie sind mir über den Inhalt negative Urteile seitens der Regierung zu Ohren gekommen. Im Irak besteht Kultfreiheit. Dem Religionsunterricht stehen keine Hindernisse im Wege. Die Katechese erfolgt in den Kirchen. Sie dienen nicht nur dem Gottesdienst, sie haben sich zu eigentlichen dynamischen Kulturzentren entwickelt. Dort versammelt sich die Jugend, dort werden verschiedene soziale Aktivitäten zugunsten der Behinderten, der Kriegsinvaliden, der Armen entwickelt. Auch in diesem Bereich haben wir vollständige Handlungsfreiheit. Die Basis unserer Kirche erweist sich als äusserst wirkungsvoll. Die Christen spielen in der irakischen Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle, gelten sie doch als Menschen, die zur Heimat stehen. Obwohl sie auf eine Gesamtbevölkerung von 22 Millionen bloss 3 Prozent ausmachen, übersteigt ihr Anteil an Ärzten, Architekten und Ingenieuren 20 Prozent.
Kipa: Sie sprechen perfekt Französisch und man spürt, dass sie das Mutterland dieser Sprache lieben. Fühlen Sie sich nicht ein wenig von Frankreich verraten?
P. Thomas: Ich habe meine Studien in Frankreich gemacht, ein Doktorat in Strassburg und ein DEA (diplome d'études approfondies de troisième cycle) in Ethnologie in Paris. Ich bin frankophil. Enttäuscht über Frankreich? Nein, aber ich stelle fest, dass Frankreich, wie übrigens ganz Europa, im Schlepptau der Vereinigten Staaten rudert. Ich glaube, dass der Irak wegen des Golfkrieges zum Sündenbock wurde, derweil sich Europa auf die Seite Amerikas schlug. Es gab aber einen ehrlichen Franzosen in diesem Drama: Jean-Pierre Chevènement, er ist von seinem Amt als Verteidigungsminister zurückgetreten, als er das Spiel durchschaute. Damals stand er allein auf weiter Flur, ich habe Hochachtung vor diesem Mann. Seine Haltung lässt mich von Frankreich noch viel erhoffen.
Jacques Berset/Kipa
Die christliche Präsenz reicht im Irak bis in die Zeiten der Apostel zurück und zählt zur ältesten nach Jerusalem und Antiochien. Es finden sich noch ehemalige christlich-orientalische Kirchen: ein assyrisch-nestorianischer Zweig und ein Jakobiter-Zweig, beide mit Rom verbunden. Die katholisch gewordenen Nestorianer heissen Chaldäer und die Jakobiter, die mit Rom vereint sind, nennen sich syrisch-katholisch. Die Nestorianer bilden eine grosse Gruppe des Mittelalters, welche das Evangelium bis nach China, die Mongolei und Indien getragen hat. Diese Gemeinschaft hatte sogar einen eigenen mongolischen Patriarchen im 13. Jahrhundert. Deutsche Archäologen haben unweit von Bagdad ein Gotteshaus namens Kokhe («Hütten» auf Aramäisch) entdeckt. Es dürfte zwischen 79 und 117 n. Chr. errichtet worden sein. Laut Überlieferung geht die Kirche in Mesopotamien auf den hl. Thomas zurück, der, auf dem Weg nach Indien, zwei Jünger zurückliess: Mar Addal (Thaddäus) und Mar Mari.
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