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Gerechte Preise und Ernährungssicherheit bei der Milch

 

NBKS ruft zum Milchstreik auf, um die bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten

 

von Diethelm Raff, 12.03.2006

Das Ende fast aller Bauern und unserer einheimischen Produktion innerhalb weniger Jahre ist vorauszusehen Die übriggebliebenen Bauern und die kritischen Konsumenten müssen sich schnell organisieren um das zu verhindern. Dies ist an einer Veranstaltung der Neuen Bauernkoordination Schweiz (NBKS) in Schänis am 9. März 2006 allen Anwesenden vor Augen geführt worden. Die Bauern sind das Herzstück der Gesellschaft. Denn sie versorgen mit weit überdurchschnittlichem Einsatz die Bevölkerung mit ausreichend frischen und gesunden Nahrungsmitteln. Die Bauern bilden in besonderem Mass das uneigennützige Gefühl von Verantwortung für das Ganze aus, das in der Demokratie nötig ist.

Gefahr: Todesstoss für alle Bauern
Nationalrat Elmar Bigger stellte fest, dass 1965 noch 165'000 Bauernhöfe, 1985 100'000 und 2005 noch 60'000 Höfe in der Schweiz existierten. Offiziell führen die Freihandelsabkommen mit der EU zu einem Abbau auf höchstens noch 30'000 Betriebe (NZZ am Sonntag 12. März 2005). Die Welthandelsrunde der Welthandelsorganisation WTO, die die Zölle abbauen will, halbiert auch nach offiziellen Studien die Betriebe noch einmal. In Wirklichkeit kann kein einziger Bauer in der Schweiz zu Weltmarktpreisen von 25 Rappen wie in Neuseeland für den Liter Milch existieren. Auch die Bauern in den EU-Ländern würden mit diesen Abkommen vollkommen ausradiert. Mit dem Todesstoss für die Bauern ginge ebenso der gesamte vor- und nachgelagerte Bereich der Landwirtschaft zugrunde. Das heisst, dass 12 % der schweizerischen Produktion zerstört wird. Mit dem Sterben der Bauern würde der gesamte ländliche Raum in der Schweiz aufgegeben. Genau das plant aber bereits das Bundesamt für Raumentwicklung und die ideologische Denkfabrik der Grosskonzerne, die Avenir Suisse. Bevor alle Bauernhöfe leer sind und wir keine eigene Ernährung mehr haben, müssen ganz besondere Massnahmen ergriffen werden.

Europaweiter Milchstreik für die Erhaltung des Bauernstandes?
In der heutigen krisengeschüttelten Welt, in der von den Grossmächten USA und England 2001 ein 30jähriger Krieg auch mit Atombomben als Angriffswaffen ausgerufen worden ist, brauchen wir eine krisenfestere Ernährungsgrundlage. Diese soll uns mit den Freihandelsverträgen genommen werden. Dagegen braucht es von Bauern und Konsumenten entschiedener Widerstand. Romuald Schaber als Präsident des Bundes Deutscher Milchviehhalter rief dazu mit anderen Referenten auf. Schaber hat bereits 30% der Deutschen Milchviehhalter organisieren können. Sie kämpfen für eine einheimische Produktion, die nur bei kostendeckenden Preisen möglich ist. Falls das nicht erreicht wird, werden sie einen europaweiten Milchstreik durchführen. Dazu ist im November 2005 der European Milkboard gegründet worden, an dem 11 Länder teilnehmen. ”Wir müssen die Dinge wieder in die eigene Hand nehmen. Wir lassen uns nicht von Politikern, Grosshandelsfirmen und internationalen Abkommen abschaffen.” Schaber wies darauf hin, dass auch Grossbetriebe mit 1000 Kühen in der ehemaligen DDR mit den heutigen Preisen nicht mehr existieren können. Und diese Preise sollen jetzt noch weiter gesenkt werden. Man kann nicht weiter zuschauen.

Flexibilisierung, Spezialisierung ist kein Ausweg
Bauer und Nationalrat Elmar Bigger wies darauf hin, dass die von den Bauernverbänden, ”Beratern” und von Politikern propagierte Spezialisierung und Flexibilität von den Bauern gar nicht geleistet werden kann und nur für wenige einen Ausweg bietet. Man fordert von den Bauern Eigenverantwortung, obwohl man Abkommen schliesst, mit denen kein Bauern mehr existieren kann. So kann man den Bauern eine persönliche Verantwortung für ihren Niedergang zuschieben, den die Politiker bewusst hervorrufen – unter dem Einfluss der Grosskonzerne und deren ideologischem Arm, der Avenir Suisse. Schaber machte darauf aufmerksam, dass in der ganzen EU dasselbe falsche Spiel gespielt wird. Man behauptet überall, man müsse Nischen finden. In der Schweiz werden im Jahr 2008 die Quoten für die Milch aufgehoben, so dass der Kampf aller gegen alle entfacht wird, obwohl die Milch gar nicht mehr zu einem kostendeckenden Preis verkauft werden kann. Im Jahr 2013 werden alle Beiträge für Milch und Milchprodukte gestrichen, so dass spätestens in diesem Jahr bei dem tiefen Weltmarktpreis die einheimische Produktion zerstört ist.

Abschaffung der Selbstversorgung ist verfassungswidrig
Die geplante Abschaffung der Selbstversorgung und die Zerstörung des ländlichen Raums ist verfassungswidrig. In Art. 104) wird festgelegt: “Der Bund sorgt dafür, dass die Landwirtschaft … einen wesentlichen Beitrag leistet zur a) sicheren Versorgung der Bevölkerung und c) dezentralen Besiedelung des Landes”. In Artikel 102 (Landesversorgung) erhält der Bund die Pflicht, auch vorsorgliche Massnahmen zu treffen, um “für den Fall machtpolitischer oder kriegerischer Bedrohungen sowie in schweren Mangellagen” die Versorgung des Landes sicherstellen zu können: Laut Kommentar zur Schweizerischen Bundesverfassung, (S. 1101) besteht diese vorsorgliche Pflicht also für den Fall von “Störungen auf dem Weltmarkt, Missernten oder machtpolitisch bedingter Drohung von Importbeschränkungen”. Die geforderte “Öffnung der Agrarmärkte”, also die Abschaffung des Schutzes für die eigenen Produktion, steht den genannten Verfassungsartikeln entgegen. Die Schweizer Bauern können zu den tiefen Weltmarktpreisen nicht produzieren und müssen meist hoch verschuldet aufgeben. Wir liefern uns damit derselben Situation wie im 1. Weltkrieg aus, als die USA Nahrungsmittel in Genua blockieren liessen, um politische Forderungen in der Schweiz durchzusetzen. Die Verfassungswidrigkeit dieses gezielten Vorgehens müssen Konsumenten und Bauern einklagen.

Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel statt heimische Produktion
Der Präsident der NBKS, Hans Stalder, wies darauf hin, dass mit der Abschaffung der eigenen Produktion alle bestehenden Forderungen an die Gesundheit der Nahrungsmittel aufgehoben werden, Unter anderem wird die gentechnikfreie Nahrungsversorgung, wie sie vor kurzem erst in einer Volksabstimmung festgelegt wurde, aufgehoben. Denn die Nahrungsmittel sollen aus den südlichen Ländern unter der Regie von Grosskonzernen mit viel Energieaufwand in die Schweiz gekarrt werden. Dort herrscht aber nur das Gewinnstreben, denn diese Länder haben keine Chance, gegen die Grosskonzerne gesunde Lebensmittelproduktion durchzusetzen.

Gezielte Vorbereitung für die Ausschaltung der Selbstversorgung
Das bewusst geplante Sterben des Bauernstandes zeigt sich auch im Bestreben, den Schutz der fruchtbaren Flächen durch das Raumplanungsgesetz von 1992 aufzuheben, obwohl die Versorgung der Bevölkerung nur mit diesen Flächen ermöglicht werden kann.Die bewusste Planung des Niedergangs der Bauern zeigt sich auch im geplanten Boden- und Pachtrecht innerhalb der Agrarpolitik 2011, die ab Anfang 2008 gültig sein soll. Peter Kistler, Vize-Präsident der IG Hochwasserschutz Linth, führte aus, dass darin die Kommissionen zum Schutz vor zu hohen Pachtzinsen abgeschafft werden, ebenso die Festlegung von einer Höchstverschuldung auf einem Betrieb. Das kann nur dazu dienen, die Bauern in den Konkurs zu treiben. Ebenso wird die Direktzahlung auf Betriebe beschränkt, die mehr als 1,25 Arbeitsplätze bieten. Bisher waren es 0,75. Allein damit reduziert sich die Anzahl Betriebe von derzeit 60'000 auf 31'000. Die Bauern, die auf Anraten der Politik “flexibel” reagierten” und einem Nebenerwerb nachgingen, können ohne diese Direktzahlungen nicht leben. Es sei daran erinnert, dass diese Direktzahlungen eingeführt worden sind, um die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte senken zu können (zum Beispiel beim Liter Milch von 1.07 Franken 1992 auf heute 70 Rappen). Man erklärte, die nicht kostendeckenden Preise für die Bauern würden durch die Direktzahlungen vom Steuerzahler bezahlt, wenn der Bauer dafür gesund produziert. Heute wirft man den Bauern vor, sie würden dem Volk auf der Tasche liegen und setzt mit diesem Argument unsere Ernährungssouveränität aufs Spiel. Die Direktzahlungen dienen im übrigen dazu, den Bauern immer weitere Vorschriften aufzuzwingen und sie so als freien Beruf auszuschalten. Die Bauern sind ständig auf das Wohlwollen der Agrarbürokratie mit den vielen Kontrolleure angewiesen, die inzwischen 1 Milliarde Franken pro Jahr kostet, wie Elmar Bigger ausführte. Peter Kistler wies darauf hin, dass der Bauer für einen Liter Milch Kosten in Höhe von 1.12 Franken hat. Auch mit Melkrobotern können diese Kosten nicht so weit gesenkt werden, dass ein angestrebter Preis von 43 Rappen kostendeckend erwirtschaftet werden könnte. Er warnte die Bauern davon, sich zu verschulden, um durch Investitionen mit diesen Preisen mithalten zu können. Das sei aussichtslos.

Gemeinsame Lösung statt Kampf aller gegen alle
Mancherorts wird den Bauern erklärt, sie könnten ihre Kosten durch Importe aus dem Ausland senken. Peter Kuster, Milchbauer mit 150 Stück Vieh, wies darauf hin, dass 40% der Kosten durch Futtermittel zustande kämen. Die im Ausland billigeren Medikamente könnten kaum Kosten sparen, weil sie vom Tierarzt verabreicht werden müssten, für den die meisten Kosten anfallen. Die Pflanzenschutzmittel sind nur billiger, falls noch Patente darauf sind – auch diese fallen kaum ins Gewicht. Die Traktoren sind einige Hundert Franken im Ausland billiger, doch der Aufwand ,um sie von dort zu holen und den Vermittler zu bezahlen, dazu noch die fehlende Garantie machten die Einsparungen minimal, wenn sie überhaupt noch bestehen. Reparaturen und Ersatzteile müssten sowieso in der Schweiz einbezogen werden. Er wies besonders darauf hin, dass mit dieser egoistischen Haltung, für sich ein wenig zu sparen, die Schweizer Betriebe in den Ruin getrieben werden.
Wenn die Schweiz mit der Selbstversorgung ihre politische Unabhängigkeit gegenüber Grosskonzernen und Grossmächten wie den USA bewahren will und darüber hinaus die Ernährung der Bevölkerung in schwierigen Zeiten sicherstellen will, dann müssen dringend Massnahmen getroffen werden.

Gerechte Preise für Nahrungsmittel
Selbstverständlich braucht es dazu Grenzen, durch die die Preise für Nahrungsmittel so hoch gehalten werden, dass die Bauern davon leben können. Warum soll das nicht möglich sein? Für die Nahrungsmittel gibt man in der Schweiz durchschnittlich nur noch 8% des Einkommens aus. Es ist nicht einleuchtend, warum man zugunsten einer sicheren Versorgung auch in Krisenzeiten nicht 9% oder 10% dafür ausgeben sollte. Die Versicherungen kosten jeden einzelnen viel mehr.

EU: 80% der Betriebe sollen verschwinden
Die Ernährungssicherheit in den EU-Ländern ist genauso gefährdet. Romuald Schaber erklärt, dass 90% der Milchbauern in Deutschland eine ungenügende Eigenkapitalbildung aufweisen. 70% leben von der Substanz. Das liegt daran, dass ein 40-Kuhbetrieb 44 Eurocent Vollkosten pro Liter Milch hat, ein 1000-Kuhbetrieb 40 Eurocent. Im Moment erzielen die Bauern aber nur 28 Cent. Die Eu will aber den Preis auf 21 Cent absenken, was mit der Milchprämie von 3,5 Cent 24 Cent Erlös bedeutet. Die Eu-Kommission ist heute so weit, dass sie offen erklärt, weitere 80% der derzeitigen Bauernbetriebe in der Eu sollten verschwinden. Es ist die Frage, ob die Bauern dieser Kampfansage an ihr Dasein weiterhin einfach zuschauen wollen.

Ziel der niedrigen Preise: höhere Gewinne für die Konzerne
Was ist der Grund für diesen Strukturwandel? Schaber ist überzeugt, dass es um die 5 oder 6 Konzerne der Milchindustrie geht (wie Danone, Nestle, Parmalat, Nordmilch, Emmi), die in Übersee billig produzieren und in der Eu teuer verkaufen wollen – auf Kosten der Bauern. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich zwischen Kanada und den USA. Die Bauern in Kanada erhalten dank eigener Initiative in den 60er Jahren und guter Organisation 48 Cent pro Liter Milch, die Bauern in den USA 25 Cent. Die Konsumenten müssen in beiden Ländern gleich viel bezahlen. Der Gewinn bleibt bei den Konzernen.

Selbstorganisierung der Bauern
Schaber schlägt nun vor, ähnlich vorzugehen die die kanadischen Bauern in den 60er Jahren. Die Bauern selbst sollen die Menge Milch bestimmen, die abgeliefert wird, so dass sie einen angemessenen Preis erhalten. Sie sollen im EU-Raum keine Milch mehr unter 40 Cent abgeben. Die eigene Organisation verhandelt mit den Molkerein. In einer Urabstimmung bestimmen die Bauern, ob sie mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden sind. Falls zu wenig geboten wird, treten die Bauern in einen Milchstreik, falls sich schon vorher 50% zu einer solchen Massnahme bereit erklärt haben.
Schaber sieht wie die Mehrheit der Bauern in der Eu keine andere Möglichkeit mehr, will man sich nicht widerstandslos schlachten lassen. Obwohl es jedem Bauern wehtut, die Milch wegleeren zu müssen, sieht er keine andere Möglichkeit. Von 2001bis 2004 haben die Bauern in der EU 18% weniger für einen Liter Milch erlöst. Das heisst, dass ein Bauer im Jahr 2004 60 Tage lang umsonst gearbeitet hat. Falls die Bauern eine Woche lang auf ihre Milch verzichten müssen und dafür 0,5 Cent mehr bekommen, haben sie keinen Verlust.
Die Bauern brauchen einen Aussenschutz, um die Nahrung produzieren zu können. Den erhalten sie, wenn die Bauern gut organisiert und kampfbereit sind. Schaber weist darauf hin, dass der Milchstreik ein gutes Beispiel für alle Nahrungsmittel ist. Der Streik kann besonders erfolgreich sein, weil die Molkerein auf die Milch angewiesen sind. Beim mehrtägigen Stromausfall in Teilen Nordrhein-Westfalens waren die Molkerein sehr bemüht darum, so bald wie möglich wieder Milch zu erhalten. Sie sind auf die Zufuhr angewiesen, weil sonst ihre Joghurt-Kulturen ausfallen.

Bauern haben mehr Macht, als sie glauben
Pierre André Tombez
, Präsident von Uniterre, einem Zusammenschluss von 2000 Milchbauern in der Welschschweiz, unterstützt die Forderung eines europaweiten Milchstreiks. Gruppen aus 11 europäischen Ländern wollen sich beteiligen. Tombez will, dass die Bauern verkaufen sollen, nicht einfach an einen Abnehmer liefern. Die Abnehmer sind die Konsumenten, nicht die Händler und den Preis sollen die Verkäufer mit den Konsumenten bestimmen. Tombez betont, dass die Bauern mehr in der Hand haben als sie vermuten. Deshalb solle man nur noch verkaufen, wenn der Preis stimme. Die Menschen sind auf die Milch angewiesen. Einwände, dass die Milch vom Ausland hereingebracht werden könne, widerspricht Tombez. Er als Camionneur im Nebenberuf wisse, dass das logistisch nicht möglich sei. Vor allem wenn alle europäischen Bauern streiken, können diese nicht die Schweizer ersetzen.

Milchstreik als letzte Hoffnung für die Ernährungssouveränität
Einige Bauern und Konsumenten sehen noch nicht, wie prekär die Lage ist. Sie machen sich noch Gedanken, ob mit einem Streik die Verarbeiter billige Ware aus dem Ausland beziehen können. Hans Stalder macht darauf aufmerksam, dass die Abkommen mit der WTO in 4 oder 5 Jahren genau zu diesem Szenario führen Den geplanten Streik sieht er als einziges Mittel, um das zu verhindern. Der Milchpreis soll in die Hände der Bauern kommen, so dass die Bevölkerung insgesamt wieder Ernährungssouveränität erlangt.

Es ist zu wünschen, dass viele Konsumenten und Bauern erkennen, was auf dem Spiel steht und dass nicht mehr viel Zeit ist, um handeln zu können.

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Aufgeschaltet am 17.03.2006