zur Seite 'Geostrategisches Idiotikon'
zur Seite 'Gesellschaft und Politik'
Die NATO-Medien-Lügenmaschine
von Edward S. Herman & David Peterson
Übersetzt von Christian Stache
Das
„humanitäre“ Unternehmen der NATO im Kosovo ist auf einer Struktur von Lügen
errichtet worden, von denen viele direkt aus dem NATO- Hauptquartier und von
Offiziellen der NATO- Mächte stammen und die von den Mainstream- Medien der
NATO-Staaten unkritisch übernommen worden sind. Eine der großen Ironien der
Operation „Vereinigte Streitkräfte“, dem Blitzkrieg der NATO gegen Serbien im
Jahre 1999, war, dass Jugoslawiens Übertragungsanlagen bombardiert wurden
aufgrund der Behauptung, dass sie „Lügenmaschinen“ seien , die dem
jugoslawischen Kriegsapparat nützten. Dies wurde den NATO- Medien
gegenübergestellt, die nach Ansicht der NATO- Offiziellen, und dementsprechend
auch nach Meinung des Medienpersonals, „objektiv“ berichtet, und wie es Richard
Holbrooke beschrieb, „exemplarische“ Berichterstattungen geliefert haben. Die
führenden MedienproduzentInnen und JournalistInnen kam nie der Gedanke, dass sie
Holbrookes Lob in Verlegenheit bringen sollte – obwohl wir vermuten, sollte
Slobodan Milosevic die serbische Medienperformance als „exemplarisch“ loben,
dass ihre NATO- Block Gegenspieler dies als Beweis für die Anschuldigung der
„Lügenmaschine“ gedeutet hätten. Diese Doppelmoral ist tiefgehend.
Ein bedeutender Grund für die Deckungsgleichheit der Medienmeinung und der
Holbrooks war die Selbstgerechtigkeit, die die Operation „Vereinigte
Streitkräfte“ begleitete. Der Glaube, dass die NATO einen „gerechten Krieg“
gegen einen teuflischen Feind führe, ist über die vorherige Dekade ( 10 Jahre )
so gut aufgebaut worden, dass die Medien „den Sprung ins Team“, und demzufolge
die Werbung für die kriegerischen Anstrengungen als perfekte Konsequenz ihrer
„objektiven“ Berichterstattung verstanden. Diese Perspektive ( Sichtweise,
Betrachtungsweise ), die von den meisten Regierungen und Medien außerhalb der
NATO oder von energischen, aber marginalisierten ( an den Rand getriebenen )
Medien innerhalb der NATO- Staaten nicht geteilt wurde, war vom Standpunkt der
NATO- Kriegsmanager gesehen ideal, da sie ihre Mainstream- Medien in de facto
Propagandaarme der NATO verwandelte. Letztendlich gab das der NATO und ihren
führenden Mitgliedern die Freiheit die internationale Meinung und internationale
Gesetze zu ignorieren – und zu zerstören und zu töten – was allerdings
wesentlich mühseliger zu erreichen gewesen wäre, wenn die Leistung der Medien
weniger „exemplarisch“ ausgefallen wäre.
Politisierter Völkermord
Es ist einer der vielen Erfolge der NATO- Medien Lügenmaschine gewesen, den
Serben für ihre Operationen im Kosovo das Etikett „Völkermord“ anzustecken.
„Völkermord“ ist, wie „Terrorismus“, ein boshaftes und schwammiges Wort, das
lange Zeit für Propagandazwecke benutzt worden ist, um das Verhalten offizieller
Feinde zu beschreiben. Es beschwört Bilder von Vernichtungslagern der Nazis
herauf und ist häufig im Zusammenhang mit dem Wort „Holocaust“ verwendet worden,
um Morde zu verurteilen. Im Nazi- Juden Holocaust Model beinhaltet „Völkermord“
den Versuch eine gesamte Gruppe auszurotten. Aber in der Völkermordkonvention
aus dem Jahr 1948 wird das Wort weiträumiger als jedwede Unternehmung
bezeichnet, die „mit der Absicht durchgeführt wird, eine gesamte oder einen Teil
einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe als solcher zu
vernichten“. Die Konvention schließt ebenfalls völkermordartige Handlungen ein,
die ernsthafte „mentale Schäden“ hervorrufen oder „Lebensbedingungen“
aufdrängen, die auf solche Verletzungen abzielen. Diese vagen Formulierungen
haben zu der Politisierung des Wortes beigetragen und Peter Novick schrieb
nieder, wie sich seine BenutzerInnen in den 50er Jahren „fast ausschließlich auf
die Verbrechen – manchmal wahre, manchmal ausgedachte – des Sowjetblocks
konzentrierten“ (engl. Originaltitel: „The Holocaust in American Life“; „Der
Holocaust im amerikanischen Leben“).
Es ist eine berüchtigte Tatsache, dass die Clinton Administration sorgfältig von
dem Gebrauch des Wortes Völkermord in Verbindung mit den gewaltigen ruandischen
Massakern der Hutu an den Tutsi 1994 Abstand nahm. Die Erlaubnis das Wort in
diesem Zusammenhang zu verwenden, wäre der Notwendigkeit zu Handeln
gleichgekommen. Die Entscheidung nicht zu handeln, entsprach demzufolge der
Vermeidung des emotionalen Wortes, das möglicherweise die öffentliche Meinung
mobilisierte (aufbrächte) und sie dementsprechend folgsam machte, wenn der
Bedarf danach bestünde. Ganz im Gegenteil dazu forderte die Entscheidung zum
Handeln im Fall Kosovo aber die Mobilisierung der öffentlichen Meinung, um die
gewalttätige Intervention zu unterstützen, so dass das Wort Völkermord aggressiv
genutzt worden ist.
Im Zusammenhang mit den Kriegen, die zum Zerfall Jugoslawiens geführt haben und
ihrem nützlichen Gebrauch an anderer Stelle, ist das „Wort“ Völkermord immer
dann leichtfertig verwendet worden, wenn Menschen getötet wurden, die als
„würdige“ Opfer erachtet worden sind. Unserer Meinung nach ist das nicht nur
Opportunismus ( Handeln allein unter dem Gesichtspunkt dessen, was Vorteile
bringt ) sondern auch eine Korruption eines Wortes, dessen alleiniger Sinn sich
nicht auf Morde oder Massaker beschränkt sondern den Versuch mit einschliesst,
eine bestimmte Gruppe, vollständig oder teilweise, auszurotten.
Serbien wird der Völkermord angeheftet
Das Wort Völkermord ist in den frühen 90er Jahren von einigen westlichen
AnalystInnen und JournalistInnen, die sich wie andere jugoslawischen Fraktionen
(erwähnenswert die bosnischen Moslems) ausrichteten, auf die Serben angewendet
worden. Allerdings ist von ihm erst während des 78 Tage andauerndem NATO-
Bombardements und im Anschluss daran, intensiv Gebrauch gemacht worden. Zu einem
guten Teil war der eskalierende Gebrauch das Resultat der offensichtlichen
Hysterie der NATO- Führung auf die Reaktion der Serben auf die Bombardements,
die als notwendig vorgebracht wurden, um die serbische Brutalität gegenüber den
AlbanerInnen im Kosovo zu stoppen, welche aber ihren vielfachen Anstieg
hervorrief. Mit Hilfe der Medien und den Tränen des Völkermords war es Tony
Blair, Bill Clinton, Gerhard Schröder und anderen NATO- SprecherInnen möglich,
die Konsequenz ihrer Bombardement- Strategie – die Flüchtlingskrise – in ihre
rückwirkende Rechtfertigung umzuwandeln.
Um ihren Schaukasten zu erstellen, benötigten die NATO- FührerInnen eine üppige
Zahl an Opfern, Geschichten von serbischen Terror und Bilder von Frauen und
Kindern, die auf der Flucht sind oder die zum Zweck der Vertreibung, in Züge
gesteckt werden, wodurch Erinnerungen an die Züge nach Auschwitz
heraufbeschworen werden. Die Anzahl derer, die vermutlich als „vermisst“ gelten
und von denen William Cohen am 16. Mai angenommen hat, dass sie Opfer von
Massakern geworden sind, belief sich auf 100.000, eine Zahl, die mit 500.000
ihren Höhepunkt in einer Schätzung des Außenministeriums erreichte. Das
Hauptinteresse der kollegialen NATO- Medien lag sowohl während als auch nach dem
Bombardement darin, Opfer zu finden; dadurch wurde ein Wettkampf über die
Aufdeckung und Berichterstattung von Massengräbern eingeleitet. Es gab viele
Opfer, aber der Appetit der Medien auf sie war unersättlich und ihre
Leichtgläubigkeit verleitete sie zu vielen Fehlern, Übertreibungen und
Fehlinterpretationen (siehe Philip Hammond und Edward S. Herman, „Verminderte
Fähigkeiten: die Medien und die Kosovo Krise“(engl. Originaltitel: „Degraded
Capability: The Media and The Kosovo Crisis“), veröffentlicht in kürze bei Pluto
Press, für viele Veranschaulichungen). Eine Vielzahl an Bildern von
abtransportierten albanischen Kindern und Frauen sind mit dem „Holocaust“ in
Zusammenhang gebracht worden, obwohl, wie es eine britische Kommentatorin
feststellte, „die Nazis die Juden nicht in Züge in Richtung Israel packten, wie
die Serben die albanischen KosovarInnen momentan in Züge stecken, die nach
Albanien fahren“ (Julie Burchill, Guardian, 10. April 1999).
Das Wort Völkermord ist allerdings auch schon vor dem NATO- Bombardement auf
serbische Operationen im Kosovo angewendet worden, obwohl sich die Zahl der
Toten in den vorherigen 15 Monaten eventuell 2.000 auf allen Seiten belief und
trotz der Tatsache, dass keine Beweise dafür vorhanden gewesen sind, dass die
Ausrottung und die Vertreibung aller AlbanerInnen beabsichtigt gewesen ist. Der
Kosovo Konflikt war ein Bürgerkrieg mit bestimmten ethnischen Untertönen und
brutaler, aber nicht ungewohnter Unterdrückung (weniger wild als die, die von
der kroatischen Armee an den Krajina Serben im August 1995 ausgeübt wurde und
durch die im Laufe von nur wenigen Tagen 2.500 ZivilistInnen geschlachtet worden
sind). Selbst im Vorfeld des Bombardements ist es lächerlich das Wort Völkermord
zu verwenden. Die serbische Antwort auf das Bombardement basierte, obwohl es
häufig brutal ausfiel, auf der korrekten Annahme, dass sich die UCK mit der NATO
verbunden hat und dass die NATO ihr Unterstützung aus der Luft zukommen ließ
(Tom Walker und Aidan Laverty, „Der CIA unterstützt die Kosovarische Guerilla
Armee“ (engl. Originaltitel: „CIA Aided Kosovo Guerilla Army“), Sunday Times
[London], 13. März 2000). Ihre Gewalttaten und Vertreibungsaktionen
konzentrierten sich auf UCK- Hochburgen und jene, die vertrieben wurden, sind
nicht in Vernichtungslager gebracht worden sondern in sichere Häfen außerhalb
des Kosovo. Die intensive Nachkriegssuche nach Ermordeten und Massengräbern
brachte weniger als 3.000 Leichen mit jeglichen Todesursachen zum Vorschein –
die Anzahl an Toten in deren Größenordnung das Krajina Massaker von 1995
anzusiedeln ist, das mit Hilfe der USA durchgeführt wurde.
Um das Ganze abzukürzen; der Gebrauch des Wortes Völkermord in Bezug auf die
serbischen Aktionen ist große Propaganda- Rhetorik gewesen, die gestaltet wurde,
um die Fakten zu verschleiern und um die moralische Basis für eine aggressive
Intervention ( Eingriff ) zu liefern. Sie entfaltete sich parallel zu der
Anklage des Kriegsverbrechertribunals gegen Milosevic, die inmitten des NATO-
Bombardements erhoben worden ist – eine Anklage, die ebenfalls gestaltet wurde,
um das zusehends an zivilen Zielen orientierte (und illegale) NATO- Bombardement
auf Serbien zu rechtfertigen indem der Präsident des Staates, der von der NATO
attackiert worden ist, dämonisiert wurde.
NATO-Propaganda und die Medien
Nachdem sie die Auflösung Jugoslawiens seit 1991 gefördert und friedliche
Lösungen für das Problem des Minderheitenschutzes in auseinander brechenden
Staaten verhindert haben, hat die Politik insbesondere Deutschlands und der USA
ethnische Gewalttaten sicher gestellt. Ihr erwählter Schurke war Serbien, was
zur Folge hatte, dass m. sich von offizieller Seite und von Seiten der Medien
auf serbische Verbrechen intensiv konzentrierte. Dies schloss nicht nur
ausgewählte Empörung und ein falsches Verständnis von Grund und Ort der
Verantwortung ein sondern auch einen Dämonisierungsprozess, der mit Hilfe von
einseitigen, unhistorischen Darstellungen der Ereignisse häufig mit
Desinformationen ausgefüllt worden ist (genau wie bei der Erfindung der
britischen Nachrichtenstation ITN, die sich ein „Todes- oder
Konzentrationslager“ bei dem Trnopolje Flüchtlingslager im Jahre 1992 ausdachte;
siehe Thomas Deichmann, „Das Bild, das die Welt betrog“ (engl. Originaltitel: „The
Picture That Fooled the World“), „Marxismus leben“ (engl. Originaltitel: „Living
Marxism“), Februar 1997).
Dämonisierung und die fortdauernden Lieferungen von Nachrichten über Gräueltaten
bereiteten den moralischen Boden, der empfänglich für die Anschuldigungen des
Völkermords gewesen ist. Dies reichte tief bis in liberale und linke
Gemeinschaften und Medien, was viele Liberale und Linke dazu veranlasste,
leidenschaftlich die Forderung „etwas zu tun“, inklusive eines NATO-
Bombardements, unterstützen ließ. Dies ist von der New Republic erwartet worden,
in der die Vorstellung von kollektiver Schuld a la Daniel Jonah Goldhagens
„Hitlers willige Helfer“ (engl. Originaltitel: Hitler´s Willing Executioners“),
die geeignet für die Rechtfertigung der Attacken auf die Zivilgesellschaft und
für Kriegsverbrechen gewesen ist, ein schönes Zuhause gefunden hat ( Stacy
Sullivan „Milosevics willige Helfer“, New Republic, 10. Mai 1999). Allerdings
beeindruckte sie auch die Nation, deren U.N. Korrespondent Ian Williams darüber
erfreut war, dass die U.N. im Interesse eines humanitären Bombardements
umschifft wurden (2. April 1999), und in der Kai Bird (14. Juni 1999) und
Christopher Hitchens ( 29. November 1999, zusammen mit anderen) das serbische
Verhalten im Verlauf der quasi- Verteidigung der NATO- Politik für
„völkermordartig“ befanden. Nur Hitchens schien nahe zu legen, dass Serbien
versucht ein Volk zu vertreiben ( was auf haarsträubenden Argumenten basierte;
siehe Herman, „Hitchens zu Serbien und Osttimor“ (engl. Originaltitel: „Hitchens
on Serbia and East Timor“), Z Magazine, April 1999).
Von der Mainstream- Presse wurde das Wort Völkermord sogar noch großzügiger und
unkritischer behandelt. Es ist oft in Behauptungen von Offiziellen mit Zahlen
wie Cohens 100.000 verwendet worden, allerdings fochten die ReporterInnen und
KommentatorInnen weder die Zahlen an noch hinterfragten sie, ob die als
völkermordartig ausgelegten Aktionen beabsichtigten, ein Volk auszurotten.
Ebenfalls ist es selten vorgekommen, dass, wie Julie Churchill im Guardian,
jemand den Unterschied zwischen einem Zug nach Auschwitz und einem in Richtung
der albanischen Grenze erwähnte.
Völkermord ist als ein Symbol für Abscheu und Abneigung benutzt worden, um die
extremen Maßnahmen gegen den „Diktator“ und sein Volk zu rechtfertigen – die
Medien fühlten sich genötigt, Milosevic einen Diktator zu nennen, obwohl dies
die Verurteilung der „normalen Serben“ als Verantwortliche für ihre Aktionen
behinderte. Letztendlich bewältigten sie aber beides (Anthony Lewis, „Die Frage
des Bösen“ (engl. Originaltitel: „The Question of Evil“), New York Times (NYT),
22. Juni 1999). Einige KommentatorInnen sind von ihrer Leidenschaft einfach
hinfort getragen worden. David Rieff, ein Favorit der New York Times, des Wall
Street Journals und von Christopher Hitchens, behauptete, dass „Milosevic
versucht ein gesamtes Volk auszuradieren“ („Kriege ohne Ende?“ (engl.
Originaltitel: „Wars Without End?“), NYT, 23. September 1999). Aber die meisten
KommentatorInnen gebrauchten das Wort ohne sich mit der präzisen (genauen)
Bedeutung oder der Lieferung von Tatsachen zu beschäftigen. Sie erkannten zudem
nie irgendeine militärische Begründung für die Vertreibungen und Morde nach dem
Bombardement an: es waren teuflische Menschen, die aus teuflischen Gründen
teuflische Dinge taten.
In einem Meisterwerk des NATO-Anti-Völkermord, bedauernden Genre, lieferten die
NYT Sebastian Jungers „Eine andere Art des Tötens“ (NYT Magazine (engl.
Originaltitel: „A Different Kind of Killing“), 27. Februar 2000), in dem er
erklärt, dass, auch wenn die Zahl der Leichen, die im Kosovo gefunden werden,
sich nicht im völkermordartigen Bereich befinde und sich einige Geschichten als
unwahr herausstellen sollten, „ein einzelner Mord“ trotzdem „ als ein Akt des
Völkermords betrachtet werden kann, falls aufgezeigt werden kann, dass die
Absicht bestand alle weiteren Personen derselben Gruppe zu ermorden“. Junger
erzählt dann im Anschluss von seinem Besuch eines Schauplatzes, an dem sich eine
unbeanspruchte Leiche einer Jugendlichen befand, die angeblich von serbischen
„illegalen Truppen“ vor ihrem Tod gekidnapped, vergewaltigt und getötet worden
ist. Junger sagte anschließend, dass „ erst seit dem Beginn dieses Jahrhunderts
mechanisierte Truppen solche Verbrechen im Auftrag ihrer Regierung durchführen.
Das ist Völkermord. Der Rest ist nur bloße Gewalt.“ Junger macht sich nicht im
geringsten die Mühe, zu zeigen, dass „illegale Truppen“ dies als Teil eines
Regierungsplans und eher noch „im Auftrag der Regierung“ als aus eigenem Antrieb
ausgeführt haben oder dass die UCK oder die U.S.- Armee nicht ähnliche
Verbrechen begangen haben. Kurz gesagt, ist der Artikel wertloser Blödsinn –
aber er heftet dem offiziellen Feind das Wort Völkermord an und genau deswegen
erlaubten die NYT, dass diese Farce in ihrem Sonntagsmagazin erscheint.
Einige vergleichbare Daten
Wir können die spektakuläre Politisierung des Wortes Völkermord auch ermessen
indem wir den großzügigen Gebrauch bei der Beschreibung des serbischen
Verhaltens im Kosovo mit der minimalen Anwendungen in Bezug auf die Behandlung
der Kurden durch die Türkei in den 90er Jahren und bezüglich des Benehmens
Indonesiens gegenüber den EinwohnerInnen Osttimors im Jahre 1999, und auch in
früheren Jahren, vergleichen. Die Aussagekraft dieses Vergleichs wird durch die
Fakten noch verstärkt, dass die Türkei weitaus mehr Kurden während der 90er
Jahre getötet hat als die Serben AlbanerInnen im Kosovo ermordet haben, und das
schließt nicht nur die Toten vor dem Bombardement (die Zahl, die die
„humanitäre“ Intervention vermutlich ausgelöst hat) sondern auch die Anzahl der
Todesfälle während des 78 Tage dauernden Bombardements und Kriegs mit ein (siehe
Chomskys „Neuer militärischer Humanismus“ (engl. Originaltitel: „New Military
Humanism“). Indonesiens Invasion ( Einfall ), dem eine Besatzung folgte,
verursachte den Tod von fast einem Drittel der osttimoresischen Bevölkerung
(1975 – 1980). Außerdem ist Indonesien auch noch für die Schlachtung und die
Vertreibung einer bisher ungenannten Zahl OsttimoresInnen, die mit der von den
U.N. finanzierten Wahl in Beziehung gebracht wurden, in den Jahren 1998 und 1999
verantwortlich. Die Zahl der getöteten OsttimoresInnen in dieser letzten Runde
indonesischem Terrors übersteigt die Gesamtzahl der albanischen Opfer im Kosovo
vor dem Bombardement erheblich – Schätzungen belaufen sich auf 3.000 – 6.000
Tote sogar vor dem Referendum am 30. August 1999, das uneingeschränkte
Zerstörung und ungehemmtes Morden Indonesiens auslöste. Und auch die Endsumme an
Toten für 1999 ist sicherlich weit höher als die der von den Serben ermordeten
Kosovoalbanerinnen in den Jahren 1998 und 1999.
Aber da die Türkei und Indonesien Klienten der Vereinigten Staaten und zudem
noch Empfänger von Hilfen, militärischen Lieferungen und diplomatischer
Unterstützung seitens der USA, Großbritannien und anderer westlichen Mächte
sind, betiteln westliche Offizielle ihre Menschenrechtsverletzungen niemals als
Völkermord. In der Tat hat die Türkei, als Mitglied der NATO, am Krieg gegen
Jugoslawien, als drolliges Markenzeichen der NATO- Kampagne gegen den serbischen
Völkermord im Kosovo, mit direkten Bombardements und indem sie Flugbasen für
andere NATO- Mächte zur Verfügung stellte, teilgenommen, eventuell sogar auch
dadurch, dass sie ihre eigenen Truppen von den ethnischen Säuberungsaktionen
gegen die Kurden abzogen und dem „humanitären“ NATO Service zuwiesen.
Angesichts dieser warmen Beziehungen zwischen den NATO- Mächten und der Türkei
und Indonesien würden wir erwarten, dass die NATO- Medien in die Fußabdrücke
ihrer FührerInnen treten und die Türkei und Indonesien freundlich behandeln
indem sie von ernsthaften, investigativen ( untersuchenden ) Bemühungen und der
intensiven Suche nach „Massengräbern“, wie sie es im Kosovo betrieben haben,
Abstand nehmen und zudem auf den Gebrauch boshafter Worte wie Völkermord in
Bezug auf Klientenstaaten verzichten, ganz abgesehen davon wie verwendbar und
widersprüchlich das zu ihrem Gebrauch in Verbindung mit Serbien gewesen wäre.
Diese Erwartungen werden vollends erfüllt.
Wir beschränken uns hier auf die Verwendung des Wortes in den New York Times,
obwohl wir der Überzeugung sind, dass die Ergebnisse auf die gesamten
Mainstream- Medien übertragbar sind. Die Voreingenommenheit ist in den Times
erstaunlich und gibt uns einige unerwartete Hinweise. Die beigefügte Tabelle
zeigt, dass das Wort Völkermord im Jahre 1999 in 85 unterschiedlichen Artikel
den SerbInnen zugeschrieben wurde, inklusive 15 Artikeln, die auf der Titelseite
erschienen sind, 16 Editorials und Kolumnen. In einigen dieser Artikel ist das
Wort wiederholt gebraucht worden. (Bei einem bemerkenswerten Beispiel, während
des laufenden Jahres und damit außerhalb des Zeitraums in dem wir eigentlich
Stichproben gemacht haben, wiederholte Michael Ignatieff das Wort Genozid
(Völkermord) elf mal in einer einzigen Kolumne [13. Februar 2000].)
Im Gegenteil dazu ist das Wort im Zusammenhang mit Osttimor in den Times nur
neun mal für das Jahr 1999, davon einmal in einem Editorial oder einer
Meinungsäußerung, und ganze 15 mal für das gesamten Jahrzehnt der 90er Jahre
angezeigt worden. Das Wort ist während der 90er nie in einem Artikel erschienen,
der auf der Titelseite herausgebracht worden ist. Des weiteren hat kein(e)
Times- ReporterIn oder Editorial- VerfasserIn während des gesamten Zeitraums von
1975 bis 1999 das Wort Völkermord in Bezug auf Osttimor angewendet. (Das heißt,
dass es in allen Beispielen in den es auftrat nicht die Meinung der Times-
JournalistInnen wiedergab sondern immer einer anderen Quelle zugeordnet gewesen
ist.) Anthony Lewis, der wiederholt von Genozid ähnlichen, serbischen Aktionen
schrieb und einen Eingriff des Westens forderte, sprach von
„Menschenrechtsverletzungen“ (12. Juli 1993), aber nie von einem Völkermord und
drängte auch auf keine militärische Intervention. Barbara Crosette gab Suharto
wiederholt dafür Komplimente, dass er „Stabilität“ in die Region bringe. In
einer bemerkenswerten Erwähnung des Wortes Völkermord verweigerte der
routinierte Times- Reporter Henry Kamm ausdrücklich seine Anwendung in
Verbindung mit Osttimor indem er den Gebrauch als „übertrieben“ beschrieb und
indem er die Massen an Toten „der grausamen Kriegführung und dem damit
verknüpften Hunger auf dieser an Nahrungsknappheit leidenden Insel“ zuschrieb
(15. Februar 1981).
Genauso interessant ist, dass die Tabellen aufzeigen, dass das Wort Völkermord
nicht einmal in Bezug auf die Türkei und ihre Behandlung der Kurden 1999
verwendet wurde. Und es ist auch nur 5 mal in dieser Beziehung in den 90er
Jahren benutzt worden, aber niemals auf der Titelseite. Trotzdem, in einer
wundervollen Veranschaulichung wie die Times der Regierungslinie in der U.S.
Außenpolitik folgt, bringt die Tabelle zum Vorschein, dass Iraks Verbrechen
gegenüber seinen Kurden in der Zeit von 1990 bis 1999 22 mal als genozidartig
beschrieben wurde und dies in fünf Fällen auf der Titelseite erschienen ist.
Abgekürzt bedeutet das ,dass nur „würdige Opfer“ – das heißt, nur die Opfer
offiziell- erklärter Feinde wie Jugoslawien oder Irak – an Völkermord leiden;
jene, die unwürdig sind, wie OsttimoresInnen oder die türkischen KurdInnen,
unterliegen bloß „grausamer Kriegsführung“ und widrigen natürlichen Bedingungen,
wie Henry Kamm im Zusammenhang mit Osttimor erklärte. Folglich werden die
westlichen Medien und die „internationale Gemeinschaft“ im Namen der zuerst
genannten mobilisiert (aufbringen) und die zuletzt genannten werden dazu
gezwungen, ungehört zu leiden. Aber wie wir betont haben, gab es im Kosovo
keinen Völkermord, so dass der NATO- Krieg auf einer Lüge basierte. Und diese
Lüge, wie auch die Anklage Milosevics vor dem Kriegsverbrechertribunal, diente
hauptsächlich dazu ein moralisches Deckblatt zu liefern, damit die NATO die
einheimische Bevölkerung Serbiens in die Unterwerfung bomben konnte. Jene
Bevölkerung ist jetzt, genau wie die des Iraks, weiteren
„Massenvernichtungssanktionen“ ausgesetzt, deren Wirkung einem „Völkermord“
wesentlich näher kommen als die serbischen Aktionen, die vermutlich den Krieg
der NATO nur beschleunigten.
Orginalartikel: "http://zmag.de/article/The%20NATO-Media%20Lie%20Machine