
Auch die Religion
kann ihr Versprechen (des Glücks) nicht halten. Wenn der Gläubige sich
endlich genötigt findet, von 'Gottes unerforschlichem Ratschluss' zu
reden, so gesteht er damit ein, dass ihm als letzte Trostmöglichkeit und
Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose Unterwerfung geblieben ist.
Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich den Umweg wahrscheinlich
sparen können.
Sigmund Freud, österreichischer Psychologe und Psychiater (1856-1939)
Es heisst immer, das Heidentum sei die Religion der Freude und das Christentum die Religion des Leids; es wäre genauso leicht zu beweisen, dass das Heidentum nichts als Leid und das Christentum nichts als Freude ist. Solche Gegensätze besagen gar nichts und führen nirgendwohin. In allem Menschlichen gibt es Freude wie Leid; interessant ist bloss, in welcher Weise beides ausbalanciert oder aufgeteilt wird. Und wirklich interessant ist allein dies: dass der Heide (im grossen und ganzen) um so glücklicher war, je näher er der Erde, aber um so trauriger, je näher er dem Himmel kam. Der Frohsinn des besten Heidentums - etwa die Heiterkeit Catulls oder Theokrits - ist ein immerwährender Frohsinn, den die Menschheit dankbar im Gedächtnis behalten muss. Aber er gilt den Tatsachen des Lebens, nicht seinem Ursprung. Die kleinen Dinge erscheinen dem Heiden so lieblich wie die Bächlein, die aus dem Berg sprudeln, die grossen hingegen so bitter wie das Meer. Beim Blick auf das Innerste des Kosmos fährt dem Heiden die Kälte ins Gebein. Hinter den Göttern, die bloss despotisch sind, stehen die Schicksalsmächte, die tödlich sind. Ja, sie sind sogar schlimmer als tödlich; sie sind tot. Und wenn Rationalisten behaupten, das Licht der Vernunft habe in der Antike heller geleuchtet als im Christentum, dann haben sie aus ihrer Sicht recht. Denn wenn sie "Licht der Vernunft" sagen, meinen sie die Finsternis der heillosen Verzweiflung. Es ist wahr, dass die antike Welt moderner war als die christliche. Den Modernen glichen die Alten darin, dass sie am Dasein schlechthin, also an allem litten, während man sich im Mittelalter wenigstens daran ergötzen konnte. Natürlich litten die Heiden bloss an allem - an allem anderen ergötzten sie sich. Und die Christen versöhnten sich bloss mit allem - mit allem anderen haderten sie. Aber sieht man die Sache vom Kosmos her, dann gab es mehr kosmische Zufriedenheit in den engen und blutgetränkten Strassen von Florenz als im Theater von Athen oder im offenen Garten des Epikur. Verglichen mit Euripides lebte Giotto zwar in einer traurigen Stadt, aber in einem fröhlichen Universum.
Die grosse Mehrheit der Menschen war gezwungen, froh über die kleinen, aber traurig über die grossen Dinge zu sein. Dennoch (herausfordernd präsentiere ich mein letztes Dogma) ist das dem Menschen nicht angeboren. Mehr er selbst, mehr Mensch ist er, wenn Freude in ihm das Beständige und Trauer das Flüchtige ist. Sich grämen sollte ein harmloses Intermezzo, eine schwache und vorübergehende Stimmung, Lobpreisen hingegen der ständige Pulsschlag der Seele sein. Pessimismus ist höchstens ein freier Nachmittag der Gefühle; Freude ist die turbulente Arbeit, die alle Dinge gebiert. Wäre der Mensch so, wie der Heide oder der Agnostiker ihn sieht, könnte er dieses ureigene Bedürfnis seiner Natur nie befriedigen. Freude sollte sich ausbreiten; aber der Agnostiker will sie einengen und auf ein Eckchen der Welt beschränken. Trauer sollte nur kurz andauern; aber der Agnostiker dehnt ihren Trübsinn bis in alle Ewigkeit. Genau dies nenne ich: auf dem Kopf stehend geboren sein. Beim Skeptiker ist das Oberste zuunterst gekehrt, denn seine Füsse hüpfen ganz oben in leerer Ekstase, während sein Kopf im Abgrund steckt.
Für den Menschen der Moderne liegt der Himmel unter der Erde. Die Erklärung ist einfach: Er steht auf dem Kopf - und der ist ein schwacher Sockel. Hat er erst einmal seine Füsse wiedergefunden, dann weiss er das. Der christliche Glaube befriedigt - im Nu und zur Gänze - das uralte Bedürfnis des Menschen, richtig herum zu stehen; er befriedigt es vor allem dadurch, dass er Freude zu etwas Gigantischem und Trauer zu etwas Vereinzeltem und Winzigem macht. Die Himmelskuppel ist nicht deshalb taub, weil das Universum dumpf dahinlebt; das Schweigen, das uns umgibt, ist nicht das herzlose Schweigen einer endlosen und ziellosen Welt. Vielmehr ist es ein kurzes, mitleidvolles Verstummen, wie die plötzliche Stille in einem Krankenzimmer. Unsere Tragödie ist vielleicht eine Art barmherziger Komödie, weil die unbändige Lebenskraft alles Göttlichen uns umwerfen würde wie eine im Rausch gespielte Farce. Selbst unsere Tränen können wir leichter nehmen als den phantastischen Leichtsinn der Engel. Vielleicht sitzen wir in einer gestirnten Kammer des Schweigens, während das himmlische Lachen so laut ist, dass wir es nicht hören können.
Freude war das kleine Vorzeigestück der Heiden, sie ist das gigantische Geheimnis des Christen. Und nun schlage ich zum Abschluss dieser wirren Seiten noch einmal das eigenartige Büchlein auf, von dem alles Christentum ausging; und noch einmal erlabe ich so etwas wie eine Bestätigung. Die gewaltige Persönlichkeit, von der die Evangelien erzählen, steht auch in diesem Punkt turmhoch über allen Denkern, die sich je für gross gehalten haben. Sein Pathos war etwas Natürliches, fast Beiläufiges. Die Stoiker der Antike und der Moderne waren stolz darauf, ihre Tränen zu verbergen. Er aber verbarg seine Tränen nie; Er zeigte sie unverhohlen auf Seinem offenen Antlitz, auch bei den geringsten Anlässen, etwa wenn Er aus der Ferne Seine Geburtsstadt sah. Dennoch verbarg Er etwas. [...] Ich sage es mit der gebotenen Ehrfurcht: Diese alles ins Wanken bringende Persönlichkeit besass einen Wesenszug, den man nur als Scheu bezeichnen kann. Da war etwas, das Er vor allen Menschen verbarg, wenn Er auf einen Berg stieg und betete. Da war etwas, das Er immer wieder unter abruptem Schweigen und plötzlicher Absonderung vor den anderen versteckte. Da war etwas, das Gott zu gross fand, um es uns zu zeigen, als Er auf unserer Erde wandelte. Und manchmal denke ich: Es war Sein Jauchzen.
Gilbert Keith Chesterton, englischer Schriftsteller und Publizist (1874-1936)
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Gilbert Keith Chesterton - Bedenkenswertes von A bis Z
Erstellt am 08. Oktober 2003