
Niemals ist
jemand weniger Priester gewesen als Jesus, niemals ein grösserer Feind der
Formen, welche die Religion unter dem Vorwande, sie zu beschützen, ersticken.
Ernest Renan, französischer Religionswissenschaftler (1823-1892)
Eine einfache Überlegung dazu: Wer weiss wohl kompetenter Auskunft darüber zu geben, welche "Urform" der gottesdienstlichen Feier Jesus seinen Aposteln vermittelt haben mag: Renan, der im 19. Jahrhundert lebte, oder Justinus "der Märtyrer", der um das Jahr 150 erstmals die Ordnung eines frühchristlichen Gottesdienstes beschrieb? Kaum einer stand der authentischen mündlichen und schriftlichen Überlieferung der ersten Christen näher als der gebildete Justinus, der aus einer heidnisch-römischen oder zumindest romfreundlichen Familie stammte. In seiner Jugend studierte er Philosophie, insbesondere die Schriften Platons und der stoischen Philosophen. Er testete verschiedene philosophische Schulen, Lehrer und Strömungen, und wurde schliesslich von einem "alten Mann bei einem Spaziergang am Strand" auf die Christusbotschaft aufmerksam gemacht. Er liess sich taufen, wurde Prediger und Missionar und einer der ersten grossen Theologen. Insbesondere verfasste er Bücher, die in der Argumentation gegen Zweifler und Gegner des Christentums die Richtigkeit der christlichen Lehre darlegen, so genannte Apologien. Seine "erste" und "zweite Apologie" zur Verteidigung der Christen werden ihm zweifelsfrei zugeschrieben . Um 150 verfasste er diese Schrift an den römischen Kaiser, um die Christen gegen die Vorwürfe des Atheismus und der Volksverhetzung zu verteidigen. Darin beschrieb er dem Kaiser auch den Ablauf eines frühchristlichen Gottesdienstes, etwas das bis dahin streng geheim war. Die etwas umständlich zu lesende Übersetzung enthält alle wesentlichen Elemente der heute noch gefeierten kirchlichen Liturgie des östlichen und westlichen Ritus. Justin stand für diese Texte mit seinem Leben ein. Aufgrund seines Bekenntnisses zum Christentum wurde er als Märtyrer
hingerichtet. - Hier Justins Erläuterungen:
"Nach dem Gebet begrüssen wir einander mit dem Friedenskuss. Dann wird dem Vorsteher der Brüder Brot und ein Becher mit Wasser und Wein gebracht. Er nimmt das und sendet Lob und Preis (griech.: doxa) zum Vater des Alls durch den Namen des Sohnes und des Heiligen Geistes empor und macht eine längere Danksagung (griech.:eucharistia) dafür, dass wir dieser Gaben von ihm gewürdigt worden sind. Hat er die Fürbitten und das feierliche Dankgebet beendet, so stimmt das ganze Volk ein mit dem Worte »Amen«. Dieses Amen bedeutet in der hebräischen Sprache: Es geschehe! Nach der Danksagung des Vorstehers und der Zustimmung des ganzen Volkes reichen die, welche bei uns Diakonen heissen, jedem Anwesenden von dem unter Danksagung geweihten (griech.: eucharisthentos) Brot, Wein und Wasser und bringen davon auch den Abwesenden. Diese Speise heisst für uns Eucharistie. Daran darf kein anderer teilnehmen, als der, der glaubt, dass das von uns Gelehrte wahr ist, und der gewaschen wurde durch das Bad zur Vergebung der Sünden und zur Wiedergeburt, und der so lebt, wie Christus es aufgetragen hat. Denn nicht wie gewöhnliches Brot und wie gewöhnlichen Trank nehmen wir das; sondern auf die Weise, wie Jesus Christus, unser Erlöser, durch Gottes Wort fleischgewordener, um unseres Heiles willen Fleisch und Blut angenommen hat, so ist - wie wir belehrt worden sind - die durch das Wort des Gebetes, das von ihm kommt, unter Danksagung geweihte Speise (griech.: eucharistetheisan trophen), mit der unser Fleisch und Blut durch Umwandlung (griech.: kata metabolen) genährt wird, Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus. Denn die Apostel haben in den von ihnen stammenden Denkwürdigkeiten, welche Evangelien genannt werden, überliefert, dass ihnen so aufgetragen sei: Jesus habe Brot genommen, Dank gesagt und gesprochen: »Tut das zu meinem Gedächtnis, das ist mein Leib«; gleicherweise habe er den Kelch genommen, Dank gesagt und gesprochen: »Dieses ist mein Blut«, und er habe nur ihnen davon ausgeteilt."
Hier nochmals eine Zusammenstellung der von Justin angeführten und bis heute erhaltenen Elemente der römischen und byzantinischen Liturgie: Gebete und Lesungen, Friedensgruss (in klösterlichen Gemeinschaften auch geschwisterlicher Kuss), Bereitung der Gaben von Brot und Wein im Offertorium, Vermischung des Weines mit Wasser, Danksagung (in der westlichen Liturgie Präfation genannt mit dem anschliessenden Sanctus), Hochgebet (auch Kanon genannt) mit dem Vollzug des in den biblischen Berichten erwähnten Auftrags Jesu an die Apostel beim letzten Abendmahl, der abschliessende Lobpreis (Doxologie) mit dem zustimmenden Amen der Gläubigen, schliesslich die Darreichung der in Christi Leib und Blut gewandelten Gaben in der Kommunion.
(Hier findet sich eine Onlineversion dieser Apologien, aus der obiger Auszug stammt.)
Erstellt am 07. Januar 2004, aktualisiert am 09.01.2004