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Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse.
Bertrand Russell, englischer Philosoph (1872-1970)
 


Dr. Michael Niepel, Dozent für Psychologie
Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft
Universität Bielefeld

Für Sigmund Freud, den Vater der Psychoanalyse, war die Religion eine kollektive Neurose, eine seelische Erkrankung, die einen Grossteil der Weltbevölkerung befallen hat. Der religiöse Mensch, so Freud, wiederholt eine Erfahrung, die er mit dem eigenen Vater gemacht hat, indem er durch Gehorsam gegenüber seinem weisen und starken Gott dessen Liebe und Schutz zu erlangen versucht. Die Religion nützt dem Individuum also keineswegs, sondern schadet ihm. Insbesondere, diagnostizierte Freud, verhindert die Religion kritisches Denken und Vernunft. Damit stand für ihn fest, dass die Religion dumm macht, und den Menschen an der Entfaltung seiner Möglichkeiten hindert. Nur der Mensch, der sich von der Religion befreit hat, hat die Möglichkeit - er ist sogar dazu gezwungen, wenn die trügerische Geborgenheit durch die Religion fehlt - seine Fähigkeiten zu entwickeln.

Aufgrund der in den letzten Jahren boomenden Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Glauben und Gesundheit lässt sich das von Freud gezeichnete Bild eines generell negativen Einflusses der Religion auf die Gesundheit nicht mehr aufrecht erhalten. Ganz im Gegenteil: ein Blick in die Fachliteratur bringt eine grosse Zahl empirischer Arbeiten zutage, in denen eindeutig positive Zusammenhänge gefunden wurden. Anders als von den Kritikern der Religion angenommen, geht eine starke religiöse Bindung nicht etwa mit einer schlechteren seelischen und körperlichen Gesundheit einher, sondern das Gegenteil ist der Fall. So wurde in einer grossen Zahl von Untersuchungen an Personen aller Altersschichten gefunden, dass religiöse Personen angaben, sich wohler zu fühlen, als weniger religiöse Personen. Aber nicht nur solche allgemeinen Einschätzungen wurden als Mass für die seelische Gesundheit erhoben. Ähnlich klare Effekte zeigten sich, wenn die Häufigkeit einzelner psychischer Erkrankungen untersucht wurde. Der renommierte Gesundheitsforscher Harold Koenig berichtet über eine Reihe von positiven Zusammenhängen. Religiöse Personen weisen seltener Angststörungen auf, neigen weniger zu Alkoholismus und sind auch weniger depressiv als Personen, die weniger religiös sind. Zwar sprechen bei weitem nicht alle Untersuchungen so eindeutig für die Verknüpfung von Glaube und seelischer Gesundheit, aber die positiven Befunde überwiegen.

 Bisherige Untersuchungen haben wenig Anstrengungen unternommen zu klären, welche Glaubensvorstellungen bzw. welche Aspekte der Religiosität es genau sind, die mit einer besseren psychischen Gesundheit einhergehen. Eine neue Studie einer Forschergruppe um den Psychiater Kenneth Kendler unterscheidet nun sieben verschiedene Aspekte oder Faktoren der Religiosität und untersucht, wie diese mit der Häufigkeit unterschiedlicher psychischer Störungen zusammenhängen. Kendler und seine Koautoren konnten den positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit sowohl im allgemeinen, als auch für die einzelnen Aspekte der Religiosität nachweisen. Personen, die hohe Ausprägungen auf vier Faktoren aufwiesen, die die Autoren als „Allgemeine Religiosität“, „einbezogener Gott“, „Vergebung“ und „Gott als Richter“ bezeichneten, zeigten seltener antisoziales Verhalten und eine geringere Anfälligkeit für Abhängigkeiten und Süchte. Personen mit hohen Werten auf dem Faktor „Vergebung“ hatten seltener Depressionen, Angststörungen und Bulimie. Bei zwei weiteren Faktoren, „Soziale Religiosität“ und „Dankbarkeit“ gab es einen Einfluss auf die Häufigkeit aller in die Untersuchung einbezogenen Erkrankungen.

Die Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Untersuchung keine Rückschlüsse auf eine Verursachung zulassen. Statistische Zusammenhänge, wie sie in solchen Untersuchungen auftreten dürfen also nicht so interpretiert werden, dass bestimmte religiöse Überzeugungen und Praktiken an sich gesund seien. Ebenso wenig lässt sich selbstverständlich folgern, dass der Unglaube das Auftreten psychischer Erkrankungen fördert.




Quelle: rp-Kompakt – Juni 2003 7
 www.recherche-psychologie.de

Studie: Wer betet, ist glücklicher und lebt länger: 1200 Studien zum Zusammenhang von Glauben und Gesundheit wurden untersucht. Mehr unter http://www.kath.net/detail.php?id=6773

Vergleiche dazu auch: Philosoph Antony Flew: lebenslänglicher Atheist schliesst auf Gott - Der bekannte britische Philosophieprofessor Antony Flew (81) und jahrelanger Weggefährte von Bertrand Russell wechselte die Fronten, nachdem er ein halbes Jahrhundert für den Atheismus auf die Barrikaden gestiegen war. Flew ist überzeugt, dass auch Bertrand Russel (der Autor von „Warum ich Atheist bin“) aufgrund der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse ähnlich denken würde wie er.
Mehr unter http://www.jesus.ch/index.php/D/article/160/20519/
 

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Erstellt am  08.10. 2003, aktualisiert am 27.12.2004