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Ikonenmalerei

 

Die Ikone (v. griech. εικoν = Bild) ist das Kultbild der byzantinischen und orientalischen Kirche. Ikonen sind kirchlich geweihte Bilder und haben für die Theologie und Spiritualität der Ostkirche eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Ikonen werden dort weder als Kunstgegenstände noch als Dekoration angesehen. In ihrer Zeichensprache und durch ihre Machart werden sie zu Fenstern zur unsichtbaren geistigen Welt und schaffen gleichzeitig Brücke und Distanz zwischen dem Betrachter und Gott. Eigentlich "malt" man Ikonen nicht, man "schreibt" sie vielmehr, denn ihre Bildsprache unterliegt relativ genauen Vorschriften. Erst nach und nach erschliesst sich dem Interessierten die reiche und ausdifferenzierte "Grammatik" dieser Zeichensprache, die sich über die Jahrhunderte kaum verändert hat. Gemalt wird eine Ikone traditionellerweise auf eine mit Kreide grundierte und geschliffene Holztafel. Als Bindemittel der bevorzugt natürlichen Pigmente (Farbpulver) wie ungebrannte und gebrannte Erden sowie Metalloxide dient seit jeher der Dotter des Hühnereis. Es ist seiner Substanz nach eine natürliche Emulsion mit öligen und wässrigen Anteilen und wird mit etwas Wasser verdünnt den angeriebenen Farben beigegeben. Für die Vergoldung der Gründe, Nimben (Heiligenscheine) und Details wird traditionellerweise Blattgold und -silber verwendet.

Seit Jahren setze ich mich mit Ursprüngen und geschichtlichen Entwicklungen der christlichen Ikonographie auseinander. Die eigene praktische Beschäftigung mit dem Formenreichtum ostkirchlicher Bildmotive, mit den reichen Bildprogrammen sogenannter Ikonostasen (Bilderwände in byzantinischen Kirchen) sowie mit überlieferten Herstellungsverfahren wird auf diese Weise zu einem verstehenden und bereichernden Weg, den ein bloss theoretisches Studium niemals bieten könnte. Nachdem ich mir in verschiedenen Kursen die praktischen Grundlagen der Ikonenmalerei angeeignet und regelmässig Ausstellungsobjekte studiert hatte, lernte ich im Sommer 1996 auf einer Russlandreise vor Ort einen kleinen Ausschnitt der ostchristlichen Kirchenkunst kennen. Unsere Reisegruppe besuchte bei dieser Gelegenheit auch ein Restaurationsatelier.

Anzufügen bleibt, dass die meditative Tätigkeit des Ikonenmalen - neben anderen gestalterischen Tätigkeiten - auch ein Ausgleich zur Hektik des Berufsalltags geworden ist. Es handelt sich zum Teil um konkrete Aufträge für bestimmte Motive. Daneben nehme ich mir auch eigene Themen vor, deren Entwicklung oder Ausdruck mich beschäftigt. Die starke Verpflichtung gegenüber dem überlieferten Formenkanon wird ebensowenig als Beschränkung der eigenen Kreativität wahrgenommen, wie ein Musiker eine vorgegebene Partitur nicht als Zwangsjacke erlebt: Zeigt die "Partitur" Qualität, so macht es auch Freude, im Rahmen der Vorlage Interpretationsspielräume auszuloten, die eigene Maltechnik zu verfeinern und beim Malen erworbenes Wissen und Stilsicherheit auf neu zu schaffende Kompositionen und Kombinationen anzuwenden. Auch wenn mir stets bewusst bleiben wird, dass ich von meiner Herkunft her ein "Lateiner" und kein "Byzantiner" bin und so auch nie den Anspruch erhebe, grossen Ikonenmeistern des Ostens etwas vorzumachen, ausserdem der Ikonenmalerei etwas Imitatives anhaftet: Die intensive Beschäftigung mit Wegzeichen christlicher Kunst schafft eine besondere und persönliche Art der Kommunikation mit Menschen, die Jahrhunderten vor mir gelebt und gearbeitet haben.

Josef Christoph Haefely

 

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Erstellt am 26.01.2004, seither sind Sie BesucherIn Nr. Zugriffszähler