"Gott existiert - ich bin ihm
begegnet" (Buchauszug)
von André Frossard
"Die
Bekehrten sind lästig", sagt Bernanos. Aus diesem und anderen Gründen habe ich
lange gezögert, den vorliegenden Bericht zu schreiben. Es ist schwierig, von der
eigenen Bekehrung zu sprechen, ohne von sich selbst zu sprechen, und noch
schwieriger, von sich zu sprechen, ohne in eine gewisse Selbstgefälligkeit zu
verfallen oder in das, was die Alten sehr treffend "Ironie" nannten, eine
versteckte Form, das Urteil der anderen in die Irre zu leiten, insofern man sich
etwas schlechter macht, als die Wahrheit es fordert. Das hätte keine Bedeutung,
wäre nicht das Zeugnis an den Zeugen gebunden, indem eins das andere trägt, so
daß die Gefahr besteht, daß beide miteinander verworfen werden.
Dennoch bin ich schliesslich zu der Überzeugung gelangt, dass selbst ein
unwürdiger Zeuge der zufällig die Wahrheit über den Sachverhalt eines Prozesses
weiss, die Verpflichtung hat, sie mitzuteilen. Er hofft dabei, dass sie um ihrer
selbst willen das Gehör finden werde, das er auf Grund seines eigenen Wertes
nicht erwarten kann.
Und nun ist der Fall eingetreten, dass ich - auf ganz seltsame Weise - die
Wahrheit über die allerumstrittenste Causa und den ältesten aller Prozesse
weiss: Gott existiert. Ich bin Ihm begegnet.
Ich bin ihm unvermutet begegnet - durch Zufall würde ich sagen, wenn bei einer
Begebenheit solcher Art überhaupt der Zufall im Spiele sein könnte - mit dem
Staunen, das etwa ein Mensch empfinden würde, der in Paris bei einer
Strassenbiegung statt des bekannten Platzes, der wohlvertrauten Kreuzung ein
unendliches Meer vor sich ausgebreitet und Wellen die Häuser umspülen sähe.
Es war ein Augenblick der Verblüffung, der noch andauert. Ich habe mich niemals
an die Existenz Gottes gewöhnt.
Um 17 Uhr 10 Minuten war ich auf der Suche nach einem Freund in eine kleine
Kirche des Quartier latin eingetreten und verlies sie um 17 Uhr 15 Minuten im
Besitz einer Freundschaft, die nicht von dieser Erde war.
Als ein Skeptiker und Atheist der äussersten Linken war ich eingetreten, und
grösser noch als mein Skeptizismus und mein Atheismus war meine Gleichgültigkeit
gewesen: mich kümmerten andere Dinge als ein Gott, den zu leugnen mir nicht
einmal in den Sinn kam, so sehr schien er mir längst nur mehr auf das Konto der
menschlichen Angst und Unwissenheit zu gehören - ich ging wenige Minuten später
hinaus als ein "katholischer, apostolischer, römischer" Christ, getragen und
emporgehoben, immer von neuem ergriffen und fortgerissen von der Woge einer
unerschöpflichen Freude.
Ich war zwanzig Jahre, als ich eintrat. Als ich hinausging, war ich ein zur
Taufe bereites Kind, das mit weit aufgerissenen Augen die Welt betrachtet, den
bewohnten Himmel, die Stadt, die nicht ahnte, dass sie ihre Fundamente in die
Luft gebaut hatte, die Menschen im prallen Sonnenlicht, die in der Dunkelheit zu
gehen schienen, ohne den ungeheuren Riss zu sehen, der soeben den Vorhang dieser
Welt geteilt hatte. Meine Gefühle, meine innere Welt, meine Gedankengebäude, in
denen ich mich schon häuslich eingerichtet hatte, waren nicht mehr da, selbst
meine Gewohnheiten waren verschwunden, mein Geschmack verwandelt.
Ich verhehle mir nicht, dass eine Bekehrung dieser Art durch ihre
Unvermitteltheit etwas Schockierendes, ja Unglaubwürdiges für unsere
Zeitgenossen an sich hat, die die Wege des Intellekts den mystischen Blitzen
vorziehen und immer weniger das Eingreifen des Göttlichen in das tägliche Leben
gelten lassen. Aber sosehr ich mich auch mit dem Geist meiner Zeit in Einklang
zu setzen wünschte, so kann ich doch nicht die Stationen einer langsamen
Entwicklung zeigen dort, wo ein jäher Umschwung stattgefunden hat, ich kann
nicht die, sei es unmittelbaren, sei es weiter zurückliegenden psychologischen
Ursachen dieses Umschwungs nennen, weil diese Ursachen nicht vorhanden sind.
Es ist mir unmöglich, den Weg zu beschreiben, der
mich zum Glauben geführt hat, weil ich mich auf einem ganz anderen Weg befand
und an etwas ganz anderes dachte, als ich in eine Art Hinterhalt geriet. Dieses
Buch erzählt nicht, wie ich zum katholischen Glauben kam,
sondern, wie ich nicht dorthin ging und mich plötzlich dort befand. Es ist nicht
die Darstellung einer geistigen Evolution, sondern die Mitteilung von einem
unvermutet eingetreten Ereignis, so etwas, wie die Zeugenaussage über einen
Unfall.
Wenn ich es für nötig halte, länger von meiner Kindheit zu sprechen, so wahrlich
nicht, um mich mit meinem "Vorleben" interessant zu machen, sondern um eindeutig
klarzustellen, das nichts mich auf das, was mir geschehen ist, vorbereitet hat:
auch die göttliche Liebe handelt frei. Und wenn ich nicht umhin kann, oft in der
ersten Person zu sprechen, so deshalb, weil es für mich klar ist - ich wünschte,
es gelänge mir, meine Leser ebenso davon zu überzeugen, dass ich nicht die
geringste Rolle bei meiner eigenen Bekehrung gespielt habe.
Aber es genügt nicht, das zu sagen, man muss es auch beweisen. Hier sind die
Fakten.
Es ist der 8.Juli. Ein herrlicher Sommertag. Vor mir öffnet sich, schnurgerade,
im vollen Sonnenlicht die Rue d`Ulm bis zum Panthéon hin, das, von dieser Seite
gesehen, den Vorteil hat, sich fast senkrecht emporgestreckt dem Beschauer
darzubieten. Wo sind meine Gedanken? Ich erinnere mich nicht. Wahrscheinlich
irren sie wie gewöhnlich die Mauern entlang auf der Suche nach einem Vorsprung,
einer Ecke, einem geometrischen Motiv, um dort einen Augenblick haften zu
bleiben. Meine seelische Verfassung? Nach dem Zeugnis zu urteilen, welches das
Bewusstsein von sich aus liefern kann: ausgezeichnet; ich will damit sagen: ohne
jene innere Unruhe, von der man behauptet, sie disponiere zum Mystizismus.
Ich habe keinen Liebeskummer. An eben dem Abend - dies für jene Leute, die stolz
sind auf ihren Scharfsinn und die Religion aus ihrem Gegenteil erklären, den
Geist aus dem Körper, das Mehr aus dem Weniger und besonders gern das Hohe aus
dem Niederen - an diesem Abend also habe ich ein Rendezvous mit einer deutschen
Studentin (blond, mit den zarten Gesichtszügen der etwas molligen jungen Damen),
die in mir die Hoffnung auf eine nicht allzu schwierige Eroberung ihrer Feste
geweckt hat. Einen Augenblick später werde ich vergessen, abzusagen.
Ich habe keinerlei metaphysischen Ängste. Zuletzt sind mir solche im Alter von
15 Jahren gekommen, und zwar in der beharrlich wiederkehrenden Form, die ich am
Anfang dieses Buches beschrieben habe: das All, das mich in seinen Bann schlägt,
mich bedrängt durch das, was ich nicht anders benennen kann als eine stumme
Ruhelosigkeit, wird mir jetzt - im nächsten Augenblick; -
das Geheimnis seines Dasein, den Schlüssel zu seinen Hieroglyphen ausliefern. Es
hat mir gar nichts ausgeliefert,
und inzwischen habe ich aufgehört, mich darum zu bemühen. Ich glaube mit unseren
sozialistischen Freunden, dass die Welt eine politische und historische
Wirklichkeit ist und die Metaphysik der allertrügerischste Zeitvertreib. Auf
alle Fälle, wenn ich glaubte, dass es eine Wahrheit gäbe, wären die Priester die
letzten Menschen, die ich darum fragen würde, die Kirche, die ich nur aus
einigen ihrer zeitlichen Fehler und Missstände kenne, der letzte Ort, wo ich sie
suchen würde.
Mein Beruf hat nichts dazugetan, meinen Skeptizismus zu vermindern, aber viel um
die Sorgen schwinden zu lassen, die meine entmutigende Jugend meinen Eltern
bereitet hatten.Ich übe ihn zu jung und seit zu kurzer Zeit aus, als dass er mir
die Enttäuschung hätte bringen können, die im Menschen oft eine Leere, ein der
Entfaltung des religiösen Bewusstseins günstiges Einsamkeitsgefühl erzeugen. Ich
habe keine Sorgen, ich mache den anderen keine, die Freundschaft mit Willemin
hat dem gefährlichen Umgang, den ich eine Zeitlang gepflegt habe, ein Ende
bereitet. Auf der politischen Ebene herrscht in diesem Jahr Ruhe; keine inneren
Wirren, keine direkte Bedrohung von aussen. Das Sturmzeichen ist noch nicht
gegeben worden, kein Grund zu persönlicher Beunruhigung für mich. Meine
Gesundheit ist gut; ich bin glücklich, soweit man das sein oder wissen kann; der
Abend kündigt sich angenehm an, und ich warte.
Ich empfinde auch keinerlei Neugierde die Religion betreffend, die einer anderer
Epoche angehört.
Es ist 17 Uhr 10 Minuten. In zwei Minuten werde ich Christ sein.
Gelassener Atheist, der ich bin, ahne ich wahrhaftig nichts davon, als ich des
Wartens müde, kopfschüttelnd über die nicht endenwollenden, unverständlichen
Andachtsübungen meines Kameraden, nun meinerseits die kleine Eisentüre
aufstosse, um als Neugieriger oder als Zeichner das Gebäude näher in Augenschein
zu nehmen, in dem er sich, wie mir vorkommt, schon eine Ewigkeit aufhält.
(Tatsächlich waren es höchstens drei oder vier Minuten.)
Was man von der Kapelle oberhalb des Portals sehen konnte, war nicht gerade
erhebend. Sie gewinnt nicht - die kleinen Schwestern, deren kleiner Bruder ich
bald sein werde, mögen mir verzeihen, wenn ich schlecht von ihrer Behausung rede
-, wenn man ihren unteren Teil sieht. Es ist eines jener neugotischen Bauwerke
aus dem 19. Jahrhundert, von Architekten geschaffen, die es sich offenbar zum
Ziel gesetzt haben, Ordnung in den Spitzbogenstil zu bringen, und ihm auf diese
Weise Leben und Bewegung genommen haben. Ich schreibe das nicht um des
zweifelhaften Vergnügens willen, einen Kunststil zu kritisieren, über den das
Urteil bereits gefällt ist, sondern um es ganz klarzumachen, dass künstlerische
Erregung bei dem, was nun folgte, nicht im Spiele war. Das Innere der Kapelle
ist nicht reizvoller als das Äußere. Eine öde Werkshalle, Werft eines steinernen
Schiffes, dessen düster graue Linien aufeinanderstoßen und wieder
auseinandergehen, bevor sie die Möglichkeit gehabt haben zur zisterziensischen
Begegnung der Strenge mit der Schönheit. Das Schiff ist klar in drei Teile
geschieden. Der erste, beim Eingang, ist den Gläubigen vorbehalten, die im
Halbdunkel beten. Bunte Glasfenster, deren Farben durch die Masse der
umliegenden Gebäude getrübt sind, werfen ein wenig Licht auf ein paar Statuen
und einen blumengeschmückten Seitenaltar.
Der zweite Teil wird von den Ordensschwestern eingenommen, die mit ihren
schwarzen Schleiern auf dem Kopf aussehen wie
Reihen sittsamer Vögel in ihrem Gestühl aus poliertem Holz. Später werde ich
erfahren, daß es Schwestern "von der Sühnenden Anbetung" sind, einer
Kongregation, die als fromme Antwort auf gewisse Exzesse der 48erRevolution
gegründet wurde. Verhältnismässig gering an Zahl (man wird noch sehen, dass
dieser Umstand seine Bedeutung hat) gehören sie einem jener kontemplativen Orden
an, die die Gefangenschaft gewählt haben, um uns frei zu machen, das Dunkel,
damit wir Licht haben, und von denen die materialistische Weltanschauung - für
eine oder zwei Minuten noch die meine - sagt, sie seien zu nichts gut auf der
Welt. Sie sprechen mit wechselnden Stimmen irgendein Gebet, das von einem Rande
des Schiffs zum anderen widertönt, um in regelmäßigen Abständen in den Ausruf
"Gloria patri et filio et spiritui sancto" zu münden, und dann wieder in den
ruhig plätschernden Wechselgesang zurückfällt.
Ich weiß nicht, daß es sich dabei um Psalmen
handelt, dass wir der Matutin beiwohnen und dass ich vom leichten Wellengang des
kanonischen Stundengebets gewiegt werde. Der letzte Teil der Kapelle ist hell
erleuchtet. Auf dem ganz in Weiß gehaltenen Hauptaltar wird ein riesiges
Aufgebot an Pflanzen, Leuchtern und anderen Zieraten von einem grossen Kreuz in
reicher Metallarbeit überragt, das in seiner Mitte eine mattweisse runde Scheibe
trägt. Drei weitere Scheiben von derselben Größe, aber in einem um eine Nuance
verschiedenen Weiss, sind an den Enden der Kreuzbalken befestigt. Ich bin aus
Kunstbegeisterung schon in manche Kirche eingetreten, aber ich habe noch nie mit
Bewußtsein eine Monstranz mit der Hostie darin gesehen, ich glaube, auch nie
eine Hostie, und ich weiß nicht, daß ich das Allerheiligste Altarsakrament vor
mir habe, zu dem zwei Reihen brennender Kerzen emporstreben. Die zusätzlichen
weissen Scheiben und die überladene Goldverzierung machen es mir noch schwerer,
diese ferne Sonne als das, was sie ist, zu erkennen.
Die Bedeutung von dem allen entgeht mir, und zwar um so mehr, da ich sie nicht
suche. Neben der Türe stehend, spähe ich nach meinem Freund, und es gelingt mir
nicht, ihn unter den knienden Gestalten vor mir zu erkennen. Mein Blick wandert
vom Dunkel zum Licht, kehrt zu den anwesenden Menschen zurück, ohne irgendeinen
Gedanken mitzubringen, gleitet von den Gläubigen zu den unbeweglich verharrenden
Ordensfrauen und bleibt dann, ich weiß nicht warum, an der zweiten Kerze haften,
die links vom Kreuz brennt, nicht an der ersten, nicht an der dritten, sondern
an der zweiten. In diesem Augenblick bricht jäh eine Welle von Wundern los,
deren unerbittliche Gewalt in einem Nu von dem absurden Wesen, das ich bin, die
Hülle reißen und das Kind, das ich nie gewesen bin, geblendet von dem Glanz, ans
Tageslicht bringen wird.
Zuallererst werden mir die Worte "geistliches Leben" eingegeben. Sie werden mir
nicht gesagt, ich forme sie nicht selbst, ich hörte sie, als würden sie neben
mir mit leiser Stimme von einer Person gesprochen, die sieht, was ich noch nicht
sehe.
Kaum hat die letzte Silbe dieses leisen Vorspiels die Schwelle meines
Bewußtseins erreicht, da bricht von neuem die Lawine los. Ich sage nicht: der
Himmel öffnet sich; er öffnet sich nicht, er stürzt auf mich zu, schießt
plötzlich wie ein stummes Wetterleuchten aus der Kapelle empor, wo er - wie
hätte ich es ahnen können; - auf geheimnisvolle Weise eingeschlossen war. Wie
soll ich´s schildern, mit diesen abgedankten Worten, die mir den Dienst versagen
und mir die Gedanken abzuschneiden drohen, um sie in das Magazin der
Einbildungen zu verweisen? Der Maler, dem es gegeben wäre, unbekannte Farben zu
erschauen, womit sollte er sie malen; Es ist ein unzerstörbarer Kristall, von
einer unendlichen Durchsichtigkeit, einer beinahe unerträglichen Helle (ein Grad
mehr würde mich vernichten), einem eher blauen Licht, eine Welt, eine andere
Welt, von einem Glanz und einer Dichte, dass unsere Welt vor ihr zu den
verwehenden Schatten der nicht ausgeträumten Träume zurücksinkt. Es ist die
Wirklichkeit, es ist die Wahrheit, ich sehe sie vom dunklen Strand aus, wo ich
noch festgehalten bin. Es ist eine Ordnung im Universum, und an ihrer Spitze,
jenseits dieses funkelnden Nebelschleiers, ist die Evidenz Gottes, die Evidenz,
die Gegenwart ist, die Evidenz, die Person ist, die Person dessen, den ich vor
einer Sekunde noch geleugnet habe, den die Christen unseren Vater nennen und
dessen milde Güte ich an mir erfahre, eine Milde, die keiner anderen gleicht,
die nicht die manchmal mit diesem Namen bezeichnete passive Eigenschaft ist,
sondern eine aktive, durchdringende, eine Milde, die alle Gewalt übertrifft, die
fähig ist, den härtesten Stein zu zerbrechen und was härter ist als der Stein -
das menschliche Herz.
Ihr überwältigender Einbruch ist begleitet von einer Freude, die nichts anderes
ist als der Jubel des vom Tod Erretteten, des gerade noch zur rechten Zeit
aufgefischten Schiffbrüchigen, mit dem Unterschied allerdings, daß mir erst in
dem Augenblick, da ich dem Heil entgegen emporgerissen werde, zum Bewußtsein
kommt, in welchem Schlamm ich, ohne es zu wissen, versunken war - und ich frage
mich, der ich noch mit halbem Leibe darin gefangen bin, wie ich darin leben,
darin atmen konnte.
Zugleich ist mir eine neue Familie geschenkt
worden: die Kirche, deren Aufgabe es ist, mich dorthin zu führen, wohin ich
gehen muß, denn soviel ist klar, daß trotz des gegenteiligen Scheins mir noch
eine Strecke Weges zurückzulegen bleibt, die nur aufgehoben werden könnte durch
die Umkehrung der Schwerkraft.
Alle diese Empfindungen, die ich in die ohnmächtige Sprache der Gedanken und
Bilder zu übertragen mich mühe, sind gleichzeitig, sind eine in der anderen
eingeschlossen, und nach Jahren noch werde ich ihren Gehalt nicht ausgeschöpft
haben. Alles ist beherrscht von der einen Gegenwart, der zugleich jenseitigen
und in unser aller, der unübersehbaren Versammlungsmitte weilenden Gegenwart des
Einen, dessen Namen ich nie mehr werde schreiben können, ohne daß mich die Sorge
überfällt, seine Liebe zu verletzen, vor der ich stehe als ein Kind, dem das
Glück zuteil geworden ist, Verzeihung zu finden, und das erwacht, um zu
erfahren, dass alles Geschenk ist.
Draußen scheint noch immer die Sonne, ich bin ein fünfjähriges Kind, und diese
Welt, vorher aus Stein und Asphalt, ist ein großer Garten, in dem es mir erlaubt
ist zu spielen, solange es dem Himmel gefällt, mich darin zu lassen. Willemin,
der neben mir geht und etwas Besonderes in meinem Gesichtsausdruck bemerkt zu
haben scheint, sieht mich mit der Eindringlichkeit eines Diagnostikers an: "Ja,
was hast du denn?" - "Ich bin katholisch", und als hätte ich Angst, mich nicht
klar genug ausgedrückt zu haben, füge ich hinzu: "apostolisch, römisch", damit
mein Bekenntnis vollständig sei. "Du hast ja die Augen ganz aufgerissen." -
"Gott existiert, und alles ist wahr." - "Nein, wenn du dich sähest!" Ich sah
mich nicht. Ich war eine Eule am hellen Mittag, die zum ersten Mal in die Sonne
schaut.
Fünf Minuten später erzählte ich auf der Terrasse eines Cafe´s auf der Place
Saint André-des-Arts alles meinem Freund, besser gesagt, was mir im Ringen mit
dem Unausdrückbaren zu sagen gelang von dieser plötzlich vor mir ausgebreiteten
Welt, dieser leuchtenden Wirklichkeit, die ganz still das Haus meiner Kindheit
zum Einsturz gebracht und meine geistige Landschaft in Luft aufgelöst hatte. Die
Trümmer meiner Gedankengebäude lagen verstreut am Boden umher. Ich betrachtete
die Vorübergehenden, die ihren Weg gingen, ohne zu sehen, und dachte an ihr
maßloses Staunen, wenn sie ihrerseits erleben würden, was ich eben erlebt hatte.
Überzeugt davon, dass ihnen früher oder später
dasselbe widerfahren würde, ergötzte ich mich im vorhinein an der Verblüffung
der Ungläubigen und der Menschen, die zweifelten, ohne es zu ahnen. Einer von
uns zweien erinnerte an jenen Theaterdirektor, der dem Himmel zwei Minuten Zeit
gegeben hatte, um ihn mit seinem Blitzstrahl zu treffen, widrigenfalls er sich
für berechtigt erachten würde, ihn öffentlich für leer zu erklären, und die
Abgeschmacktheit der von diesem Staubkorn dem Unendlichen entgegengeschleuderten
Herausforderung erregte bei uns ein unbezähmbares Gelächter. Gott war
Wirklichkeit, ja er war sogar hier, offenbart und verhüllt zugleich durch dieses
von ihm gesandte Licht, das ohne Worte und ohne Bilder alles verstehen ließ, ja
nicht nur verstehen, sondern lieben.
Ich weiß sehr gut, daß solche Aussagen etwas Ungeheuerliches an sich haben, aber
was soll ich tun, wenn das Christentum wahr ist, wenn es eine Wahrheit gibt,
wenn diese Wahrheit eine Person ist, die sich nicht in Unerkennbarkeit verhüllen
will?
Das Wunder dauerte einen Monat. Jeden Morgen fand ich mit Entzücken dieses selbe Licht wieder, das den Tag verblassen ließ, dieses selbe Gefühl der milden Güte, das ich nie vergessen werde und das mein ganzes theologisches Wissen ausmacht. Die Notwendigkeit, meinen Aufenthalt auf diesem Planeten zu verlängern, wenn dieser ganze Himmel zum Greifen nahe war, leuchtete mir zwar nicht ganz ein, und ich anerkannte sie auch mehr aus Dankbarkeit denn aus Überzeugung.
Indessen verloren das Licht und die milde Güte jeden Tag ein wenig von ihrer Intensität. Schließlich verschwanden sie, ohne dass ich darum von neuem in der Einsamkeit zurückgeblieben wäre. Die Wahrheit sollte mir jetzt auf andere Weise geschenkt werden: ich sollte sie suchen, nachdem ich sie gefunden hatte. Ein Pater vom Orden vom Heiligen Geist übernahm es, mich auf die Taufe vorzubereiten, indem er mich in der Religion unterrichtete, von der ich, wie ich nicht noch einmal zu betonen brauche, nichts wußte.
Was er mir von der christlichen Lehre sagte,
erwartete und empfing ich mit Freuden. Die Lehre der Kirche war wahr bis zum
letzten Beistrich, und ich nahm jede Zeile mit immer erneutem Beifall zur
Kenntnis, so wie man einen Schuß ins Schwarze beklatscht. Nur etwas überraschte
mich: die Eucharistie. Nicht dass sie mir unglaubhaft geschienen hätte, sondern
dass die göttliche Liebe diesen einzigartigen Weg gefunden hatte, sich
mitzuteilen, erregte mein höchstes Staunen, und vor allem dass sie zu diesem
Zweck das Brot erwählt hatte, die Speise der Armen und die liebste Nahrung der
Kinder. Von allen vor mich hingestreuten Gaben des Christentums war diese die
schönste.
So mit Gnaden überhäuft, glaubte ich, dass mein Leben ein Weihnachten ohne Ende
sein würde. Die erfahrenen Personen, denen ich mich anvertraute, hatten gut
reden: sie mochten mich warnen, dass dieser bevorzugte Zustand ein Ende nehmen
werde, dass die Gesetze des geistlichen Wachstums für alle dieselben seien, das
nach dem beglückenden Ausflug in die grünen Gefilde der spürbaren Gnade, die
schwer zu erstümrenden Felsen kommen würden, dass ich nicht immer dieses selige
Kind bleiben würde: ich hörte nicht auf sie. Ich war fest entschlossen, nicht
ein zweites Mal den Fehler zu begehen, erwachsen zu werden. So sah meine
Weisheit aus, sie war weniger zuverlässig als die der anderen.
Sie behielten recht, nicht ich. Nachdem der
Festgesang verklungen war, hiess es wieder, mit den Dingen leben, mit dem Stein
und dem Asphalt einer Welt, die allmählich und verstohlen wieder ihre alte
Gestalt annahm. Es kam ein Karfreitag, es kam ein Karsamstag, es kam das
Schweigen, in dem ein Schrei erstirbt.
Zweimal ist das größte Leid, das Menschen treffen kann, in meinem Hause
eingekehrt. Die Väter werden mich verstehen, die Mütter noch mehr, ohne weitere
Worte. Zweimal bin ich den Weg zu dem ländlichen Friedhof gegangen, wo mein
Platz schon bezeichnet ist, und habe im Grauen die Erinnerung an Gottes
Barmherzigkeit gesucht. Unfähig zur Auflehnung, ausgeschlossen von der Zuflucht
des Zweifels (woran sollte ich zweifeln, ausser an mir selbst?), habe ich mit
diesem Schwert in der Brust gelebt, wissend, dass Gott die Liebe ist.
Ich schreibe dies nicht, um von mir zu erzählen, sondern um Zeugnis abzulegen,
und mein Zeugnis verlangt, dass auch das folgende noch gesagt werde. Das Grab,
das das meine sein wird, bildet den Winkel zweier Alleen. Eines Tages sah ich
mit zerstreuter Neugierde nach, wem das Grab gehöre, das ihm genau gegenüber
liegt: es war die Grabstätte der Schwestern von der Sühnenden Anbetung. Ich weiß
zu gut, wie verschieden und wie unbezweifelbar das Eingreifen des Heiligen
Geistes ist, um hier von einem Zeichen zu sprechen. Mir genügt die Tatsache. 500
Kilometer von hier werden die kleinen Schwestern, die meiner Geburt beigewohnt
haben, auch in der Stunde meines Todes anwesend sein, und ich denke, ich glaube,
ich weiß, daß diese beiden Augenblicke ein und derselbe sein werden, wie auch
die Verlorenen eins sein werden, wenn einmal jene milde Güte wiedergefunden sein
wird.
Liebe, um Dich zu verkünden, wird die Ewigkeit zu kurz sein.
Quelle: André Frossard: "Gott existiert - Ich bin ihm begegnet" Verlag Dr. Müller Düsseldorf, ISBN 3-8311-3815-X
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