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Bernhard Jaeggi wird am 17. August 1869 auf dem Hof “Förstlen” bei Mümliswil als jüngster von fünf Söhnen der Kartenmacherfamilie Niklaus Joseph und Marie Jaeggi-Hafner (1832-1920) geboren. Nachdem der Hof einem Brand zum Opfer fällt zieht die Familie ins Dorf an den “Rank”. In Mümliswil besucht Bernhard die Primarschule und anschliessend in Balsthal die Bezirksschule.
Bei der Solothurner Kantonalbank absolviert er Banklehre. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Rechts- und Wirtschaftskunde. Schon früh interessiert er sich für soziale Belange: als junger Mann steht er in engem Kontakt mit der Bewegung für genossenschaftliche Selbsthilfe um Stephan Gschwind und Prof. Dr. J. Fr. Schär. Dieser gliedert dem 1890 lose gegründeten “Verband Schweizerischer Konsumvereine” im Jahre 1892 die Einkaufszentrale an und wirkt bis 1903 als Präsident.
Kaum volljährig wird Jaeggi Gemeindeschreiber von Mümliswil. Wegen seines jugendlichen Alters braucht er dafür eine Sondergenehmigung.
Der junge Bankbeamte bleibt bis 1899 im Dienst der Kantonalbank und gibt der Bevölkerung unentgeltliche Rechts- und Finanzauskünfte.
Durch seine Initiative wird der “Aktienkonsumverein Mümliswil” 1894 in einen Verein mit genossenschaftlicher Rechtsform umgewandelt. Jaeggi übernimmt die Leitung der jungen Genossenschaft.
1899 beendet Jaeggi auf Veranlassung von Stephan Gschwind den Bankdienst, um sich ganz der Genossenschaftsidee zu widmen. Er übernimmt die Leitung und nachherige Liquidation der alten Konsumgenossenschaft Thun und Umgebung. 1900 tritt Jaeggi als Revisor in den Verband Schweizerischer Konsumvereine V.S.K. ein.
Am 6. September 1900 vermählt er sich mit Pauline Büttiker. Die Ehe bleibt kinderlos, doch zeitlebens bleibt dem Ehepaar das Wohl der Kinder ein Herzensanliegen. Mit der Gründung des Kinderheims Mümliswil erfüllt sich das Ehepaar im Alter einen lange gehegten Wunsch.
1902 wird Jaeggi in die Leitung der Zentralstelle gewählt. Nach der Neuorganisation des Verbandes wird er Präsident der Verwaltungskommission. Im Verwaltungsrat des “Allgemeinen Konsumvereins”, dem Basler Lokalkonsumverein, präsidiert er zudem die Schlächtereikommission.
Im selben Jahr wird er als Vertreter der Arbeiterpartei in den Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt gewählt. 1910/11 wirkt er als Präsident des Grossen Rates. Bis 1920 gehört er zudem dem Bankrat der Basler Kantonalbank an.
1911-1916 ist Jaeggi Nationalrat in Bern. Als sozialdemokratisches Fraktionsmitglied wirkt er in der schweizerischen Zolltarifkommission mit. Aufgrund von Spannungen innerhalb der Partei, verursacht durch die Kriegsnot, verzichtet er im Interesse der Einheit der Genossenschaftsbewegung auf ein weiteres politisches Mandat. Während der Kriegsjahre wirkt er als Berater der Landesregierung in Fragen der Volksernährung und organisiert den Brotkartendienst.
Jaeggis Hauptverdienst ist es, nach der Aera Schär den Ausbau des Verbandes Schweizerischer Konsumvereine wesentlich vorangetrieben und gefestigt zu haben. Zwischen 1901 und 1934 wachsen die Verbandsvereine von 125 auf 534, der Umsatz steigt von 4,1 Mio Franken auf 168 Mio, das Verbandsvermögen vergrössert sich von 44'600 Franken auf 8,5 Mio. Von einem betagten Basler Kaufmann und Bewunderer stammt der Ausspruch, solche Fähigkeiten hätten Jaeggi in Amerika zum Milliardär gemacht.
Auf Jaeggis Initiative entstehen die Lager und Produktionsbetriebe in Pratteln, die Versicherungsanstalt des V.S.K., die Mühlegenossenschaft und die Schuhfabrik des Verbandes. Durch die “Bell-Allianz” von 1914 wird der Betrieb in den Dienst der Konsumenten gestellt. 1916 werden landwirt-schaftliche Güter erworben und eine Milcheinkaufsgenossenschaft gegründet.
1918 entsteht ein Ferienheim in Weggis und ein grosser Hotelneubau. Daneben wird eine Volksversicherung auf Gegenseitigkeit und ohne Gewinnabsicht, die «Schweiz. Volksfürsorge», aufgebaut. 1919 wird die Genossenschaft für Möbelvermittlung ins Leben gerufen.
Zwischen 1919 und 1921 erfüllt sich Jaeggi mit der Gründung der Siedlungsgenossenschaft «Freidorf» bei Muttenz einen Herzenswunsch. Sein Traum ist eine Art Modellsiedlung genossenschaftlicher Lebensform. Die Siedlung mit Gemeinschaftsräumen bietet 150 Familien freie Wohnungen. Jaeggi nimmt Wohnsitz im Freidorf. Hier widmet sich er sich mit seiner Frau Pauline verschiedenen Dorfaufgaben.
1921 erscheinen Jaeggis “Richtlinien zur weiteren Entwicklung der Genossenschaftsbewegung”, welche grossen Wert auf die genossenschaftliche Erziehung legen. Daraus stammt der folgender Kerngedanke:
“Der [...] Grundgedanke in der konsumgenossenschaftlichen Organisation liegt in der Form der kleineren, in sich geschlossenen Wirtschaftsgemeinde, die sich unter Umgehung aller vermeidbaren Unkosten in der einfachsten Weise selbst verwaltet und im Anschluss an föderalistische Verbandsorgane eine möglichst umfassende Selbstversorgung betreibt, so dass der ganze Wirtschaftskreis als ein erweiterter, in allen seinen Teilen aber durchaus übersichtlicher genossenschaftlicher Haushalt erscheint, durch den der einzelnen Familienökonomie die Energien und Vorteile der Grosswirtschaft erschlossen werden. Dieser Gedanke muss in der Genossenschaftsbewegung neu aufleben, wenn das Ziel erreicht werden soll.”
Von diesem Gedanken geleitet, errichtet er 1923 für die Aus- und Weiterbildung von Genossenschaftsmitgliedern das “Genossenschaftliche Seminar” (Stiftung Bernhard Jaeggi).
1927 wird die Bankabteilung des V.S.K. herausgelöst und unter dem Namen “Genossenschaftliche Zentralbank” als selbständige Genossenschaft errichtet. Jaeggi wird Präsident des Verwaltungsrates. Bei der Errichtung neuer Betriebszweige achtet Jaeggi darauf, dass diese selbsttragend wirtschaften können. Die Bürokratie wird möglichst klein gehalten.
1929 wird Jaeggi durch die Universität Basel für seine Leistungen im Dienst der Wirtschaft die Ehrendoktorwürde verliehen.
Am 5. Oktober 1937 unterzeichnet Jaeggi in Balsthal die Stiftungsurkunde für das genossenschaftliche Kinderheim in Mümliswil. Zweck dieses Heimes ist es, erholungsbedürftigen Kindern körperliche Stärkung und Pflege zu vermitteln und sie im Sinn von Heinrich Pestalozzi und Jeremias Gotthelf zu erziehen.
Am 13. April 1944 stirbt Dr. h.c. Bernhard Jaeggi in seinem geliebten Freidorf bei Muttenz.
Die Entwicklung des "Verbands Schweiz. Konsumvereine" während der Leitung Bernhard Jaeggi unter: http://www1.coop.ch/ueber/zahlen_fakten/1915-1940-de.html
Das "Genossenschaftliche Kinderheim Mümliswil" wird vorgestellt unter: http://www.onlinegestalter.ch/Schulen/IGMacZuerich/Klassen/OG4/MarcelaBradler/HannesMeyer/Bibliothek/_muemliswil.html