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Das Haus Nr. 195 am Kirchweg in Mümliswil

 

 

Noch ist die Fassade eingerüstet. Die steinernen Fensterbänke und Eckquader wurden von alten Farbschichten befreit und sandgestrahlt, die Fassade neu verputzt. Bald darauf zeigt sich das schöne Haus von seiner besten Seite.

Eines der bemerkenswertesten Häuser von Mümliswil ist im Herbst 2002 aussen renoviert worden. Bereits 1997 wurde der "talseitige Aufgang in zwei Doppelläufen" (Ausdruck in "Ortsgeschichtliches über Mümliswil-Ramiswil" von Max Walter), also Freitreppe und Geländer, stilgerecht erneuert. Die kantonale Denkmalpflege leistete dem Besitzer Hans Aeberhard fachliche Begleitung und finanzielle Unterstützung für die Erhaltung dieses klassizistischen Baus. Markus Schmid von der Denkmalpflege Solothurn: "Wir achteten darauf, dass der Urzustand wieder hergestellt wurde."

Speziell ist auch die Geschichte dieses Hauses. Der Lokalhistoriker Bruno Saner schrieb darüber folgendes:

 Im Jahre 1821 wünschte Johann Jöker von der Gemeinde die Bewilligung, auf dem Lindenplatz ein Haus mit Bäckerei bauen zu dürfen. Dies wurde abgelehnt, da auf dem Lindenplatz das Spritzenhaus stehe. Nun wünschte er, zwischen Schulhaus und Pfarrhaus sein Haus zu errichten. Die Gemeinde lehnte auch dieses Gesuch ab mit der Begründung, eine Bäckerei neben dem Schulhaus mit 120 Kindern sei wegen der Brandgefahr zu gefährlich. Wieso dann das Haus trotzdem gebaut wurde, ist nicht bekannt. Im Haus war zuerst eine Bäckerei, nachher eine Spenglerei. Später wurde darin die Wirtschaft "Sternen" und ein Krämerladen betrieben. Bis zur jüngsten Renovation waren an der südöstlichen Ecke noch zwei Eisenangeln zu sehen, an denen früher das Wirtshausschild befestigt war. Der letzte Jäggi-Kartenmacher Joseph Jakob Jäggi (1860-1911) im Rank erwarb das vis-à-vis stehende Haus und richtete darin eine Druckerei nach modernen Gesichtspunkten ein. Er war der erste Herausgeber des „Thal-Anzeigers“.

Über dem Haupteingang ist eine grosse Steintafel mit folgender Inschrift eingelassen:

 

"IOH : IÖK " steht für den Erbauer Johann Jöker (heute "Jeker" geschrieben), darunter eine Bretzel als Berufszeichen der Bäcker mit der Jahrzahl 1822. Die zwei Sterne erscheinen auch auf örtlichen Jeker-Familienwappen. Zwei ausgebesserte Löcher in der Mittelachse der Tafel könnten vor Zeiten mal ein Aushängeschild oder eine Lampe getragen haben.

In der Volkszählung von 1808 für die Gemeinde Mümliswil wird zwar ein Johann Jäker-Ackermann erwähnt, 55 Jahre alt, als dessen Beruf aber nicht Bäcker, sondern Bauer angegeben ist. Er erscheint in der Zählung auf Gemeindegebiet übrigens als einziger dieses Namens. Ein Sohn des gleichem Vornamens ist nicht verzeichnet. Als Erbauer wäre er 1821 beim Vorbringen seines Gesuchs bereits 68 Jahre alt gewesen. Die Volkszählung von 1837 verzeichnet Franz Jöcker-Jöcker, Pintenwirt, und seine Frau Maria Anna mit den Kindern Urs Seph, Hans Seph, [schwer lesbarer Name], Maria Anna und Maria als Bewohner des Hauses.

Bemerkenswert ist der grosse gewölbte Keller des Hauses. Bei früheren Innenrenovationen wurden von Hans Aeberhard in den Zwischenböden einige Exemplare von Mümliswiler Jasskarten gefunden. Es handelt sich um Einzelkarten aus sogenannten französischen Spielen, die zu verschiedenen Zeiten gedruckt wurden. Ein Glücksfall ist, dass auf einer Pik König-Karte der Hersteller "B. Scherr in Mümliswil" genannt wird. Die Karten sind auf dem Deckblatt des "Guldentaler Kalenders 2002" farbig abgebildet .

Das Haus Nr. 195 am 11. Oktober 2001, Westfassade. Die ursprüngliche Bruchstein-Aussenmauer steht heute im Inneren des Hauses. Vorangestellt war früher vermutlich eine Holzlaube, eventuell getragen von hölzernen Pfeilern (vgl. das kurz zuvor erbaute Haus Haefely an der Dorfstrasse 190 mit gleichen architektonischen Details). Später wurde die Holzverkleidung durch Mauerwerk ersetzt, um mehr Innenraum zu schaffen.

 

Ansicht vom Kirchplatz her im Herbst 1918. Damals wurden während der kalten Jahreszeit jeweils die Fensterläden durch Vorfenster ersetzt.

Ostansicht im Herbst 1918.

 

Details im Haus Nr. 195: Handgeschmiedete Angel einer Zimmertür und Deckenrosette

Oberdorf von Mümliswil um 1896 mit alter Passwangstrasse und Kirchweg. Im Zentrum ist das Mansarddach des Hauses Nr. 195  sichtbar, davor "s'Freye Hus" (Albani), das erste Schulhaus des Dorfes, dahinter der alte Pfarrhof. Dem aufmerksamen Betrachter wird auffallen, dass zwischen dem Haus Nr. 195 und dem Haus Jaeggi im Rank eine grosse Scheune stand.

 Aktualisiert am 04.06.2003

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